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Wir informieren:


 

 Zur Familienzusammenführung / Auswanderung - von Hans Bergel

Vortrag, Film und Presse belebten in letzter Zeit die Diskussion zu einem Thema, das auf die umfassende geschichtswissenschaftliche Verarbeitung noch wartet: Anlass, Hintergrund und Mechanismen der Familienzusammenführung/Auswanderung der Deutschen Siebenbürgens und des Banats aus Rumänien zwischen den 1950er Jahren und 1989/90. Diese jüngsten Darlegungen bedürfen der Ergänzung, da sie sich ausschließlich der administrativen Seite des Vorgangs widmeten und die politische außer Acht ließen.

Anlass der Zusammenführung durch Krieg und Nachkrieg getrennter Familien und späteren Auswanderung war die als unerträg1ich empfundene Notlage, in der sich die deutschen Minderheitengruppen im nationalistisch-kommunistischen Land sahen, ihres Besitzes durch den Staat beraubt, kultureller Entmündung sowie rechtlicher Willkür ausgesetzt, Zielobjekt lokaler chauvinistischer Drangsalierungen, Aussichtslosigkeit der Heranwachsenden, nicht zuletzt in der weiteren Perspektive Verlust des Vertrauens zu jeder Art Regierung im Land, Freiheitsberaubung – all dies führte zu Hilferufen an Bekannte und Verwandte in der Bundesrepublik Deutschland, Österreich, Kanada, den USA.

Die Zahl der Bittsteller, die sich um Beistand bei Auswanderungsversuchen an Personen oder Institutionen in Westdeutschland wandten, wuchs Jahr für Jahr in einem Maße, dass Sprecher der Siebenbürger und Banater im Westen gemeinsam bereits Mitte der Jahre 1950 bei der Regierung in Bonn mit dem Anliegen vorsprachen, das Problem auf höchster staatlicher Ebene zu etablieren. Von nachhaltiger Wirkung waren dabei die Gespräche, die der Siebenbürger Heinrich Zillich und der Banater Peter Ludwig mit dem Bundespräsidenten 1949-59 Theodor Heuss und dem späteren Bundespräsidenten Karl Carstens, 1979-84, führten. In der Folge waren alle Bundeskanzler von Adenauer bis Brandt, von Schmidt bis Kohl mit der Frage vertraut und ließen sie – wenn auch mit unterschiedlichem Nachdruck – auf Ministerebene behandeln. Dazu lässt sich mehr sagen, als hier möglich ist. Schon gar nicht lässt sich auf engem Raum die politische Arbeit veranschaulichen, die von Vertretern der Siebenbürger geleistet wurde, um die Lösung des Problems voranzutreiben.

Unumgänglich bleibt jedoch die Feststellung, dass der Anstoß zur Familienzusammenführung/Auswanderung nicht von der Bonner Politik noch von Vertretern der Siebenbürger oder der Banater kam – wie verschiedentlich behauptet –, sondern dem Wunsch der meisten in Rumänien Lebenden entsprang, das Land endgültig zu verlassen. Mitte 1960 stapelten sich beim Repräsentanten des internationalen Roten Kreuzes in Bukarest, dem Juristen Crăciun, rund 80000 Familienansuchen um die Auswanderungsgenehmigung. Die Zahl bedarf keines Kommentars.

Von den Auswanderungslisten seit 1955 (Siebenbürgische Zeitung vom 15. Juni 1985) ist die Sperrigkeit abzulesen, mit der Bukarest verfuhr. Erst gedrängt vom wirtschaftlichen Verfall des Landes war es bereit, mit der reichen Bundesrepublik ein geregelt verlaufendes Geschäft zu machen: Bonn zahlte pro Auswanderer. Die Listen machen die erpresserischen Verzögerungen des kommunistischen Regimes mit dem Zweck der Erhöhung des Pro-Kopf-Preises deutlich. So trafen z.B. 1958 1333 Deutsche aus Rumänien hier ein, 1959 aber nur 465; 1965 2720, 1967 aber nur 440 etc.

Nicht allein wegen der zunehmenden Bitten aus Siebenbürgen meldeten sich die Siebenbürger im Westen immer unüberhörbarer öffentlich zu Wort (z.B. mit der Großkundgebung am 4. Dezember 1982 vor dem Kölner Dom), sondern jedesmal, wenn Bukarest die Deutschen im Land mit neuen Schikanen peinigte; in dem Schlagabtausch spielte die Siebenbürgische Zeitung eine substantielle Rolle.

Hinzu kam die Auseinandersetzung mit – kleinen – siebenbürgisch-sächsischen Kreisen, die sich der Familienzusammenführung/Auswanderung widersetzten. „Bleiben oder gehen“ wurde zum Schlagwort. Die Erkenntnis, dass der Entschluss, Siebenbürgen zu verlassen, ein historisch von langer Hand angelegtes Faktum war, ging dabei unter.
Der These von der „Heimattreue“ stand die humanitäre Einsicht in die existenzielle Not der zu Sklaven des roten Regimes degradierten Menschen gegenüber. Diese interne Auseinandersetzung verlieh der aufreibenden Brisanz des ­Disputs mit Bukarest zusätzliche Belastungskomponenten. Wie immer, sprach auch diesmal die Geschichte das letzte Wort. Das heißt spätestens 1989/90 wurde der Wille des Großteils der Siebenbürger und Banater mehr als deutlich. Nach der Grenzöffnung verließen sie lawinenartig das Land.
Es war ihre Entscheidung. Sie wurden weder „abgeworben“, noch hatten sie der Bevormundung bedurft. Manchen war dabei bewusst, dass sich hier der tragische Schlussakt eines geschichtlichen Abgangs abspielte. ,,Das Ende einer Hochkultur“, schrieb ein deutscher Journalist.
Mit der KSZE-Konferenz 1973 in Helsinki nebst den Folgekonferenzen erhielt das Problem ein neues Gewicht und Gesicht: „Korb 3“ der Schlussakte 1975 sah das „Recht auf freie Wahl des Wohnlandes“ vor. Nicolae Ceaușescu gehörte zu den Unterzeichnern. Er konnte jetzt beim Wort genommen werden. Der Verbandsvorsitzende Erhard Plesch (1963-77) intensivierte die menschenrechtliche Orientierung der Familienzusammenführung. Seine ungezählten Kontakte mit Bonner Spitzen, wie dem Innenminister Werner Maihofer (1974-78), der Siebenbürgen seit 1942 kannte, waren nachhaltig fruchtbar. 1975 von einer Konferenz in Bukarest und einer Siebenbürgenreise zurückgekehrt, sprach Maihofer in Dinkelsbühl aus, was alle dachten: ,,Reden Sie nicht mehr von Familienzusammenführung, reden Sie von Auswanderung!“ Erst recht wurde der Außenminister Hans-Dietrich Genscher (1974-92) zu Pleschs Dauergesprächspartner. Vorausgegangen waren Treffen 1971 mit Kanzler Willy Brandt, mit Franz Josef Strauß u.a. 1973 traf Plesch in Bukarest Ceaușescu, wenig später, begleitet von seinem Stellvertreter Wolfgang Bonfert, abermals parallel dazu führte ich auf seinen Wunsch als Schriftleiter dieser Zeitung regelmäßige Telefonate mit den Botschaftern Rumäniens Ion Morega und Constantin Oancea.

Großindustrielle von internationalem Gewicht, z.B. Beitz oder Stein, wurden kontaktiert. Wilhelm Bruckner, Verbandsvorsitzender 1977-83, kam u.a. 1980 mit dem späteren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und dem späteren Bundeskanzler Helmut Kohl zusammen. In Absprache mit dem Amt Genscher war ich 1975 mit der Forderung nach Bukarest gereist, die Auswandererzahl monatlich auf 1000 zu erhöhen; Anfang 1978 ließ sich Kanzler Helmut Schmidt die Abmachung auf Regierungsebene, von Ceaușescu, bestätigen (ab 1977: über 10000 Auswanderer pro Jahr). Um die Entwicklung nicht einschlafen zu lassen, hielt sich der Verbandssprecher Kurt Schebesch 1980 in Madrid auf (Folgekonferenz); im selben Jahr bat mich Bundespräsident Karl Carstens in Drabenderhöhe um Informationen im Blick auf seinen für 1981 geplanten Rumänienbesuch. War Willy Brandt 1978 in Rumänien gewesen, Karl Carstens 1981, Helmut Kohl 1984, so hatte Bundespräsident Gustav Heinemann 1978 Ceaușescu empfangen. Usw.

Alle hier genannten Spitzenpolitiker oder -industriellen und eine Reihe weiterer Persönlichkeiten waren vor ihren Gesprächen in Bukarest von Vertretern der Siebenbürger Sachsen über die Lage unterrichtet, alle waren um dringende Hilfe auch in der Auswanderungsfrage gebeten worden. Der Verbandsvorsitzende 1983-89 Wolfgang Bonfert setzte die Marschroute fort. Im gleichen Sinne verfuhren die Vereinsobmänner in Österreich Oswald Teutsch, Roland Böbel, Fritz Frank. Im Gefolge dieser politischen Wegbereitung hatte bereits in den ersten Jahren die Umsetzung ins Administrative begonnen; die Rechtsanwälte Ewald Garlepp und Heinz-Günther Hüsch waren ebenso kundige wie geduldige Unterhändler.

Zweierlei sei in dieser Stichwortdarlegung noch festgehalten: In der Verbandsgeschichte gab es weder vor noch nach diesen dramatischen Jahrzehnten – Mitte 1950 bis 1989/90 – so häufige Begegnungen siebenbürgischer Vertreter mit der ersten Garnitur deutscher Politik. Und: Eine Historiografie der Ereignisse ist ohne Heranziehung der umfangreichen Securitate-Dossiers nicht möglich.

 

 


 

 

 

 


 

 

 

 

 


 


Banater Schwaben mit Polka-Weltrekord?

Ein 25-jähriges Bestehen ist immer ein Anlass zu Feierlichkeiten. Doch was die Tanzgruppe der Banater Schwaben sich zu ihrem Jubiläum ausgedacht hat, geht über eine normale Feier weit hinaus.

Autor: JULIA VOGELMANN | 
 

Ein Weltrekordversuch im Polkatanzen soll es sein. Nicht weniger. Entstanden ist die Idee im Gespräch mit den jugendlichen Vereinsmitgliedern. "Wir wollten etwas Cooles, Besonderes machen, das noch keiner vor uns gemacht hat", verrät Vorsitzender Erich Furak. Ein Flashmob wurde mangels Planbarkeit schnell verworfen, der Plan "Weltrekord im Polkatanzen" machte das Rennen. Mindestens 251 Paare müssen fünf Minuten lang Polka tanzen, um den Rekord aufzustellen, gab die Redaktion des Guinessbuchs der Rekorde vor.

Also wurde kräftig die Werbetrommel gerührt bei befreundeten Vereinen, auf dem Volksfestumzug und auch auf Facebook, wo die jungen Tänzer eine eigene Seite eröffnet haben. "Auf Facebook hat sich das rasend schnell verbreitet, und jetzt kommen Paare aus ganz Süddeutschland. Sogar aus Niedersachsen reisen welche an", freut sich Furak über den großen Zuspruch. Die Altersspanne bewegt sich nach seinen Angaben zwischen zehn und 80 Jahren, doch vor allem für die Jugendlichen sieht er die Veranstaltung als Gewinn. "Es ist für die Jugendlichen schön zu sehen, dass es auch in anderen Vereinen junge Leute gibt, die am Erhalt von Tradition und Brauchtum arbeiten."

Um Vielfalt zu zeigen, hat der Verein vorgegeben, dass die Polkapaare in Tracht auflaufen müssen. Furak erklärt: "Wenn wir schon so was machen, dann soll es auch etwas aussagen." Zu streng nimmt es der Verein allerdings nicht, denn nicht jeder hat ein traditionelles Gewand, weshalb auch Dirndl und Lederhose gelten.

Mittlerweile sind 398 Paare für den Rekordversuch gemeldet - und täglich werden es mehr. Bis zum Veranstaltungsbeginn am Samstag um 17 Uhr in der Hirtenwiesenhalle haben Tanzwillige noch die Möglichkeit, sich auf die Teilnehmerliste setzen zu lassen und so am ersten Rekord in dieser Kategorie teilzuhaben. Mit einem traditionellen Kirchweihfest soll der neue Rekord danach zünftig gefeiert werden.

Info Auch das Fernsehen wird dabei sein, wenn die Paare in Tracht zum Titel "Musikantentraum" tanzen. Die Aufzeichnungen des SWR werden in der Landesschau am Montag, 1. Juli, ab 18 Uhr gezeigt. Auch LTV hat sich angemeldet. Die Aufzeichnungen werden in der Sendung "Fanblock" am Montag, 1. Juli, auf Kabel Digital ab 18 Uhr und via Satellit ab 19 Uhr gesendet. Wiederholung ist am Dienstagvormittag.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

Weltrekord: 401 Paare der Banater Schwaben tanzen Polka

 

 

Die Trachtengruppe Banater Schwaben Reutlingen beim Weltrekordversuch im Polkatanzen in Crailsheim

29.06.2013

 

 

 

  

 

 

 

 

   

 

 

  

 

 Die Reutlinger beim Weltrekordversuch im Polkatanzen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

Auf der Suche nach Freiheit

Er war ein Rebell, der die Freiheit suchte. Nicht einfach für einen jungen Mann, der in Ceausescus Securitate-Staat aufwächst. Seine Erinnerungen hat Carl Gibson in "Allein in der Revolte" niedergeschrieben.

Autor: HANS-PETER KUHNHÄUSER | 

Banat? Viele kennen den Begriff, doch mehr über dieses deutsche Siedlungsgebiet in Rumänien - es gibt schließlich auch noch Siebenbürgen - wissen nur wenige. Der Bad Mergentheimer Autor Carl Gibson ist in Temeschburg geboren und im nahen Sackelhausen aufgewachsen. Sein neues Buch "Allein in der Revolte" schildert seine Suche nach und seinen Kampf für die Freiheit. "Allein in der Revolte" war als Vorläufer von "Symphonie der Freiheit" (erschienen im Mai 2008) geplant. Doch der Verlag spielte nicht mit, Gibson musste den Druck juristisch durchsetzen. Der längst überfällige erste Band ist somit als zweites Buch erschienen.

Es ist eine heute bestenfalls noch der Generation 70-plus vertraute Welt, in die Carl Gibson 1959 hineingeboren wurde. Sie war da bereits dabei, sich aufzulösen, was viele Bewohner aber noch gar nicht bemerkten. Sackelhausen, ein kleines Dorf nahe Temeschburg, ist eine typische Siedlung der Banater Schwaben, obwohl im Laufe der Jahre auch Rumänen und Zigeuner - Gibson widmet diesen besonderen Menschen ein eigenes Kapitel - im Dorf lebten. Die Deutschen im Banat sind konservativ, weitgehend unpolitisch und werden - auch deshalb - zu Opfern der Zeit.

Als der Hitler-Vasall Marschall Antonescu im August 1944 weggeputscht wird, ist die Abkehr Rumäniens vom Deutschen Reich die Wende für die Banater Schwaben. Sie werden nach dem Krieg als Täter, die sie als Volksgruppe und als Einzelpersonen nur im begrenzten Umfang waren, zu willkommenen Opfern der neuen Herren, werden drangsaliert und zum Teil deportiert. Gibsons Vater bekommt das am eigenen Leib zu spüren. Politisiert hat ihn das nicht - den jungen Carl um so mehr, je älter er wurde.

Im kommunistischen Rumänien haben die Deutschen Minderheitenstatus, gleichwohl werden sie von der allgegenwärtigen Securitate beobachtet. Nach dem Tod von Gheorghe Gheorghiu-Dej übernimmt Nicolae Ceausescu 1965 die Macht, und der junge Carl Gibson erlebt zum Ende des "Prager Frühlings" einen geschockten Ceausescu im Fernsehen. Nur kurz währt dessen "liberale" Phase. Nach einer China-Reise wandelt er sich zum größenwahnsinnigen "conducator". Das Licht der Freiheit ist da längst entzündet, und in Carls Herz lodert die non-konformistische Flamme. Ob Schule, Studium oder später dann die eigentlich schon genehmigte Ausreise, immer wieder stößt er an Grenzen. Er rebelliert (mit Freunden) auf seine Weise, zieht als Ritter mit schwarz-rot-goldenem Kostüm bei einem Umzug mit - da hat ihn die Securitate längst im Visier.

Dass die Menschen aus dem benachbarten Jugoslawien reisen dürfen, obwohl auch sie in einem kommunistischen System leben, bringt Carl Gibson immer mehr auf. Sein Widerstandsgeist wächst. Aufmüpfig, betont rebellisch im Äußeren - das kann nicht gut gehen, zumal er sich nicht anbiedern will. Sogar in die bundesdeutsche Botschaft geht er, und auch in die Höhle des Löwen - das Bukarester Innenministerium - wagt er sich. Die Securitate schlägt hemmungslos zu - nicht das erste und schon gar nicht das letzte Mal. Gibson erkennt: Bis auf wenige Freunde ist er "allein in der Revolte". Allzu viele prominente Banater verbiegen sich aus seiner Sicht, darunter die spätere Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller, die mit anderen in die KP eintritt. Es finden sich auch Anmerkungen zu Richard Wagner und Nikolaus Berwanger - aus Gibsons Sicht willfährige Zeitgenossen, die sich erst später, nach der Ausreise, als Widerständler bezeichneten.

Zweifellos hat Gibson sich die Seele vom Leib geschrieben, wobei er Wert darauf legt, seine damalige Sicht auf die Dinge deutlich gemacht zu haben. Das erklärt die Betrachtungen zur westeuropäischen Linken und der deutschen Friedensbewegung. Manches wirkt da oberflächlich, ja vereinfachend. Die politische Emanzipation im Westen, ausgelöst von der 68er-Generation, schwappte zweifellos auch - sicherlich befeuert durch den Prager Frühling - auf engagierte Jugendliche im Ostblock und natürlich auch auf die Deutschen im Banat über. Echten Widerstand leisteten aber nur wenige. Gibson saß im Gefängnis, nachdem er die erste freie Gewerkschaft des Ostblocks mit gegründet hatte. Darüber ist mehr in der "Symphonie der Freiheit" zu lesen.

Geschichte, Gibson macht das am Beispiel der Flucht König Michaels und Ceausescus Schweinefarm-Besuch deutlich, wiederholt sich - oft als Farce. Erhellend auch die Erfahrungen, die Gibson in der Bundesrepublik macht. Die Freiheit ist auch dort nicht gratis, was ihm Schule und ein Vermieter ebenso vor Augen führen wie das Scheitern und politische Abdriften eines alten Freundes aus dem Banat.

Info Carl Gibson: Allein in der Revolte. Eine Jugend in Banat - Aufzeichnungen eines Andersdenkenden - Selbst erlebte Geschichte und Geschichten aus dem Securitate-Staat. J. H. Röll-Verlag, Dettelbach, 409 S.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

17.06.13

Praktikum einmal anders: Junger Banater Schwabe berichtet über seine Erfahrungen im brasilianischen Entre Rios

Von: Martin Schmidt

Dennis Schmidt beim seinem Vortrag über Entre Rios im Haus der Vereine in Mutterstadt. Foto: Jürgen Griebel

Interessiert folgten die Zuhörer den Ausführungen des Referenten. Foto: Katharina Eicher-Müller

 

Am 7. Mai konnte die Vorsitzende des Ortsverbandes Mutterstadt der Donaudeutschen Landsmannschaft, Katharina Eicher-Müller, einen vollen Saal im Haus der Vereine begrüßen. Sie freute sich besonders über die Anwesenheit des Mitveranstalters Martin Schmidt von der Donauschwäbischen Kulturstiftung, des Landesvorsitzenden Josef Jerger, seiner beiden Stellvertreter Anton Broder und Adam Lulay sowie der beiden Bundesvorstandsmitglieder der Landsmannschaft der Banater Schwaben, Jürgen Griebel und Walter Keller. Die Vorsitzende stellte den Referenten Dennis Schmidt als engagierten, heimatverbundenen jungen Mann vor, der von sich selbst behauptet, nicht auf den Mund gefallen zu sein. Dass dem so ist, hat der in Ruchheim lebende Zwanzigjährige bei seinem Vortrag unter Beweis gestellt.

Ausgehend von den Erfahrungen während eines dreimonatigen Praktikums vom 11. Januar bis 2. April dieses Jahres im brasilianischen Entre Rios, skizzierte Schmidt in lebendiger freier Rede die Geschichte und vor allem die Gegenwart der 1951 von donauschwäbischen Vertriebenen gegründeten fünf Dörfer im Bundesstaat Paraná im Allgemeinen und der Genossenschaft Agrária im Besonderen. Ergänzt um eine Power-Point-Präsentation mit einer reichen Auswahl meist aktueller Fotos, erzählte der angehende Student der Betriebswirtschaftslehre von der stark bäuerlich geprägten Lebensweise, aber auch von den hochmodernen technischen Errungenschaften und den fortwirkenden kulturellen Prägungen der Siedler, deren Vorfahren in der Mehrzahl aus Syrmien und Slawonien stammen. Der dank der Schweizer Europahilfe und der großzügigen Aufnahmepraxis der brasilianischen Regierung ermöglichte „Neuanfang im Nirgendwo“ sei schwer gewesen, habe sich aber schon binnen weniger Jahre – subjektiv betrachtet – zum Erfolgsprojekt entwickelt, und zwar spätestens zu dem Zeitpunkt, da die Siedler nach all den Drangsalen endlich wieder ein eigenes Dach über dem Kopf hatten. Auch wenn es sich um kleine Einheitshäuser gehandelt habe, hätten diese den Siedlern das Gefühl gegeben, „angekommen zu sein“, so Schmidt.

Die bereits am 5. Mai 1951 aus der Taufe gehobene Genossenschaft Agrária und der unermüdliche Fleiß der Siedler haben – trotz Schwierigkeiten und Rückschlägen – zu einem erstaunlichen Wohlstand geführt. Wie Schmidt erläuterte, liege darin der Grund, weshalb die Agrária heute mit ihren 550 Genossenschaftsmitgliedern und etwa 1000 Angestellten einer der größten regionalen Arbeitgeber ist. 2013 sei die Agrária vom Landwirtschaftsminister sogar als produktivste Genossenschaft in ganz Brasilien ausgezeichnet worden. Soja-Produkte aus Entre Rios gelangten mittlerweile bis nach Deutschland. Die Agrária besitze eine der größten Mälzereien Südamerikas, und unlängst sei der Beschluss gefasst worden, ein riesiges Maislager zu errichten, dessen Kapazitäten weltweit einmalig wären. Die Zuhörer in dem randvollen Vereinssaal bekamen einen Superlativ nach dem anderen zu hören. So schwärmte der junge Referent von den enormen Forschungsanstrengungen und den Aufforstungsbemühungen der energietechnisch ausschließlich mit Holz arbeitenden Genossenschaft, und er betonte: „Wer in Südamerika Bier trinkt, kann ziemlich sicher sein, dabei auch etwas von der Agrária zu konsumieren.“

Doch Dennis Schmidt trug nicht nur Zahlen und Fakten vor, die er während seiner zweimonatigen Tätigkeit in der Logistikabteilung der Genossenschaft in Erfahrung gebracht hatte, sondern lockerte den Vortrag immer wieder mit Anekdoten und persönlichen Eindrücken auf. Reichlich Gesprächsstoff lieferten anrührende menschliche Erfahrungen während des letzten Praktikumsmonats in der genossenschaftseigenen „Deutsch-Brasilianischen Kulturstiftung“. Jeden Donnerstag habe er sich in dieser Zeit an dem von der Seniorentanzgruppe inbrünstig intonierten Lied „Kehr ich einst zur Heimat wieder“ erfreut, so Schmidt, und er habe viele offene Türen und Herzen vorgefunden, wenn er sich der „schwowischen“ Mundart bediente. Nicht zuletzt waren die heutzutage oft „riesigen“ Eigenheime der Bauern ein Thema, das Wirtshaus „Donaubier“ und natürlich die noch immer „sehr schwäbische“ Küche.

Da die Religion unter den Donau-schwaben in Entre Rios einen anhaltend hohen Stellenwert besitzt, gab es auch hierzu Hintergrundinformationen, die in massiver Kritik an dem für die fünf Dörfer zuständigen katholischen portugiesischen Pfarrer gipfelten. Wie der Referent zu berichten wusste, sorge dieser gegenwärtig für erheblichen Unmut, da er nicht bloß dem deutsch-dominierten Kirchenrat seine Anerkennung verweigere, sondern jedwede Verwendung des Deutschen im Gottesdienst blockiere. Auch in den großen Städten der weiteren Umgebung sei durchaus eine feindselige Stimmung spürbar, wenn die Donauschwaben ihre Mundart gebrauchten. Auch deshalb schränkten diese die Verwendung der Muttersprache weitgehend auf die engsten Lebensbereiche ein.

In Entre Rios sei man laut Schmidt jedoch „noch immer sehr stolz, Schwabe zu sein“. Die Tanz- und Musikgruppen der Kulturorganisation zählen stattliche 330 Mitglieder. Schon von klein auf werde der Nachwuchs einbezogen, zumal das Tanzen „den meisten Donauschwaben im Blut“ liege. Aber auch viele Brasilianer seien mit von der Partie, was in den für ihr hohes Niveau bekannten deutschen Schulen ebenfalls beobachtet werden könne. Bei traditionellen deutschen Volkstänzen einerseits und brasilianischen Gaúcho-Tänzen andererseits werde an einem nachhaltig guten Verhältnis zwischen den Volks- und Sprachgruppen gearbeitet. Dieses zu erleben sei „eine der schönsten Erfahrungen“ gewesen, betonte Dennis Schmidt zum Schluss.

 

 


 

 19.06.13

Auch ehemalige Zwangsverschleppte ohne rumänische Staatsangehörigkeit erhalten Entschädigung

 

Blick in den Plenarsaal der Abgeordnetenkammer, Rumäniens Außenminister Titus Corlăţean präsentiert vom Rednerpult aus den Standpunkt der Regierung zum Gesetzesvorhaben.

Rumänisches Parlament verabschiedet Novelle des Entschädigungsdekrets 118/1990 - Die Abgeordnetenkammer des rumänischen Parlaments hat am 5. Juni beschlossen, die Opfer von politischer Verfolgung, die nicht mehr im Besitz der rumänischen Staatsangehörigkeit sind, in den Anwendungsbereich des Entschädigungsdekrets 118/1990 einzubeziehen. Die vom Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland in Absprache mit den Landsmannschaften der Banater Schwaben sowie der Sathmarschwaben angestoßene Gesetzesänderung war am 3. April von der rumänischen Regierung als Gesetzesvorhaben beschlossen und am 14. Mai vom rumänischen Senat (dem Oberhaus des rumänischen Parlaments) einstimmig als Gesetz verabschiedet worden. Der Beschluss der Abgeordnetenkammer erfolgte ebenfalls einstimmig, nachdem ein Änderungsantrag der oppositionellen Demokratisch-Liberalen Partei (PDL) abgelehnt worden war.

Nach Inkrafttreten des Gesetzes werden alle Betroffenen von politischer Verfolgung in Rumänien sowie die Opfer von Deportation und Kriegsgefangenschaft, unabhängig von der heutigen Staatsangehörigkeit und dem Wohnsitz, eine Entschädigungszahlung beantragen können. Diese wird monatlich auf das Konto der Betroffenen in Euro ausgezahlt. Antragsberechtigt sind die Betroffenen und, nach deren Ableben, die nicht wieder verheirateten Witwen/Witwer.

Betroffen sind gemäß Artikel 1, Absätze 1 und 2 des Dekrets 118/1990 – wieder-veröffentlicht im Amtlichen Gesetzblatt Rumäniens (Monitorul Oficial al României), Teil I, Nr. 631 vom 23. September 2009 – alle Personen, die auf Grund politischer Verfolgung nach Verurteilung oder auf Grund eines Haftbefehls Freiheits-entzug erlitten haben, durch Administrativmaßnahmen oder zu Untersuchungen von den Repressionsbehörden festgehalten wurden, in psychiatrische Anstalten eingewiesen waren, einen Zwangswohnsitz zugewiesen bekommen haben, zwangsweise in andere Ortschaften umgesiedelt wurden, nach dem 23. August 1944 ins Ausland verschleppt wurden, in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten sind oder nach Vereinbarung des Waffenstillstands in Kriegsgefangenschaft behalten wurden. Die wichtigsten Anwendungsfälle für die Deutschen aus Rumänien dürfte die Zwangsdeportationen in die Sow-jetunion sowie die Zwangsumsiedlung in die Baragan-Steppe sein.

Gemäß Artikel 4, Absatz 1 des Dekrets 118/1990 erhalten die betroffenen Personen eine monatliche Entschädigung von 200 Lei für jedes Jahr Freiheitsentzug, Zwangsumsiedlung, Verschleppung ins Ausland oder Kriegsgefangenschaft. Absatz 3 legt fest, dass dieser Betrag durch Regierungsbeschluss der Preisentwicklung angepasst wird.

Auf Einladung des rumänischen Außenministers Titus Corlatean und des Präsidenten der Abgeordnetenkammer, Valeriu Stefan Zgonea, nahm der Bundesvorsitzende des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, Dr. Bernd Fabritius, an der entscheidenden Plenarsitzung der Abgeordnetenkammer teil. Am Tag davor hatte ein Arbeitstreffen im rumänischen Sozialministerium stattgefunden, unter dessen Aufsicht die für die Anwendung des Entschädigungsdekretes 118/1990 zuständigen Behörden tätig sind. Bei dem Treffen, an dem sich die Präsidentin der Nationalen Rentenbehörde, Staatssekretärin Ioana Ciutan, der Generaldirektor der Nationalen Agentur für Sozialdienstleistungen, Adrian Toader, die Direktorin der Abteilung Sozialsicherung im Arbeitsministerium, Georgeta Juganaru, und die Direktorin der Rentenkasse, Ioana Nemesi, beteiligten, konnten Grundsätze zur Vereinfachung der Antragstellung und zur Beschleunigung der Antragserledigung bis zur Auszahlung des Geldes an die Betroffenen besprochen werden, teilte Dr. Bernd Fabritius mit. So soll die Antragstellung auf einem zweisprachigen Formular möglich sein, wenn die erforderlichen Unterlagen in beglaubigter Kopie beigefügt werden. Vorgelegt werden müssen Kopien der Personenstandsurkunden der Antragsteller (Geburtsurkunde, Heiratsurkunde, gegebenenfalls Sterbeurkunde), Nachweise über die erlittene Maßnahme (Bescheinigungen, Arbeitsbücher, sofern die Maßnahme dort eingetragen ist, gegebenenfalls Zeugenaussagen), jeweils in rumänischer Sprache, sowie die für eine Auszahlung erforderlichen Belege (Zahlungserklärung, Kopie eines Kontoauszuges zum Nachweis der eigenen Bankverbindung, Lebensbescheinigung). Der Antrag kann bei der zuständigen Sozialbehörde (Agentia Judeteana pentru Plati si Inspectie Sociala) des letzten Wohnsitzes in Rumänien gestellt werden.

Am 5. Juni fand dann die Plenarsitzung der Abgeordnetenkammer statt. Außenminister Corlatean stellte das Gesetzesvorhaben vor, betonte die herausragende Bedeutung der Deutschen aus Rumänien für die Entwicklung des Landes im Laufe der vergangenen Jahrhunderte sowie die Ungerechtigkeit des Kriegsfolgeschicksals und bat die Abgeordneten daher um breite Unterstützung für diese „lange überfällige“ Reparation. Danach nutzte auch der Abgeordnete des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien, Ovidiu Gant, als stellvertretender Vorsitzender der Fraktion der ethnischen Minderheiten die Gelegenheit, die Bedeutung dieser Rechtsanpassung für die Gesamtgemeinschaft der Deutschen aus Rumänien hervorzuheben. Danach wurde das Änderungsgesetz mit 269 von 270 Stimmen bei einer Stimmenthaltung einstimmig beschlossen.

„Es ist heute ein besonders wichtiger Augenblick, und so ist es auch zu erklären, dass die rumänische Regierung dieses im Grundsatz vom Außenministerium verwaltete Gesetzesvorhaben auf den Weg gebracht hat. Es ist eine Geste, die – wie wir wissen – von den aus Rumänien stammenden Deutschen begrüßt wird, von denen, die in Rumänien und in anderen Ländern wohnen, und ich weiß, dass dieses auch in Berlin erwartet wird und dass es positive Auswirkungen haben wird“, sagte der rumänische Außenminister und dankte den Abgeordneten für die einstimmige Zustimmung zu diesem Gesetz. Der Abgeordnete Ovidiu Gant dankte seinerseits seinen Kollegen für die Einstimmigkeit bei dieser Abstimmung sowie der rumänischen Regierung für dieses Vorhaben im Namen der in Rumänien und im Ausland lebenden Deutschen.

Die Landsmannschaft der Banater Schwaben begrüßt die Verabschiedung des Gesetzes durch das Bukarester Parlament und dankt der rumänischen Regierung, insbesondere Außenminister Titus Corlatean, für die Einbringung der Gesetzesvorlage. Damit wird eine langährige Forderung der Landsmannschaften der Deutschen aus Rumänien umgesetzt. Nach Inkrafttreten des Gesetzes wird die Landsmannschaft hierzu ein Seminar für ihre Gliederungen (Kreisverbände und Heimatortsgemeinschaften) anbieten.  (BP)

Entschädigung auch ohne rumänische Staatsangehörigkeit

Das neue Gesetz, durch das ehemals Deportierte auch dann eine rumänische Rente beantragen können, wenn sie die rumänische Staatsangehörigkeit nicht mehr besitzen, gilt auch für Baragan-Deportierte. Dies sagte der rumänische Außenminister Titus Corlatean auf Nachfrage der Landsmannschaft der Banater Schwaben auf einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung am 10. Juni in Berlin. Corlatean zufolge wird durch das neue Gesetz das Entschädigungsdekret 118/1990 so ergänzt, dass nun auch ehemals Deportierte einbezogen werden, die die rumänische Staatsangehörigkeit nicht mehr besitzen. Auf derselben Veranstaltung räumte Premier Victor Ponta vor rund 200 Zuhörern ein, dass das neue Gesetz spät komme. „Aber besser spät als gar nicht“, betonte Ponta. Mit dem Gesetz wolle seine Regierung auch den deutschen Deportierten Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ernst Meinhardt (Berlin)



 

15.06.13

Johann Lippet - ein eigenwilliger Schriftsteller und Dichter aus dem Banat

Von: Prof. Dr. Anton Sterbling

 

Bei der Lesung am 26. April in Landshut wurde Johann Lippet (links) von Prof. Dr. Anton Sterbling vorgestellt. Fotos: KV Landshut

Lippets neuester Roman »Bruchstücke aus erster und zweiter Hand« (Pop-Verlag Ludwigsburg, 2013)

Landshuts Kulturbürgermeister Gerd Steinberger war von der Lesung Johann Lippets zum Auftakt der Kultur- und Heimattage der Banater Schwaben in Bayern äußerst angetan und meinte, dass er in der Beschreibung des ländlichen Lebens viele Parallelen zu seiner Heimat auf dem Land in Niederbayern erkannt hätte. Für Anton Sterbling ein Beleg, dass es sich um gute Literatur handle, da sie Allgemeingültigkeit erreiche. Den knapp vierzig erschienenen Zuhörern, darunter Literaturliebhaber aus München, aus den Reihen der Siebenbürger Sachsen und der einheimischen Bevölkerung, präsentierte Lippet Auszüge aus dem Roman „Bruchstücke aus erster und zweiter Hand“ (2012) und dem Gedichtbuch „Tuchfühlung im Papierkorb“ (2012). Kreisvorsitzender Hans Szeghedi bedankte sich mit einem Präsent bei dem Autor. Im Folgenden dokumentiert die Banater Post die Einführung von Prof. Dr. Anton Sterbling zur Lesung von Johann Lippet.

 

Johann Lippet, den ich hier anlässlich seiner Lesung aus seinem kürzlich erschienenen Buch mit dem Titel „Bruchstücke aus erster und zweiter Hand“ (Pop-Verlag Ludwigsburg, 2013) vorstellen darf, ging immer seinen Weg, seinen eigenen Weg. Und er ging diesen nicht immer einfachen Weg mitunter eigenwillig, aber stets konsequent, intellektuell redlich und offen und ehrlich seinen Freunden gegenüber, zu denen ich mich glücklicherweise schon sehr lange zählen darf. Dazu – das heißt mithin auch zu den Anfängen des literarischen Arbeitens und Schreibens von Johann Lippet – möchte ich einige Anmerkungen machen, einen kurzen Rückblick geben.

»Aktionsgruppe Banat« und Lyzeum Großsanktnikolaus

Das erste Stichwort, das nahezu allen dazu einfallen dürfte, ist wohl „Aktionsgruppe Banat“. Wenn Herta Müller in ihrer „Tischrede“ bei der Verleihung des Nobelpreises unter anderem sagte: „Zum Glück traf ich in der Stadt Freunde, eine Handvoll junge Dichter der »Aktionsgruppe Banat«. Ohne sie hätte ich keine Bücher gelesen und keine geschrieben. Noch wichtiger ist: Diese Freunde waren lebensnotwendig. Ohne sie hätte ich die Repressalien nicht ausgehalten. Ich denke heute an diese Freunde. Auch an die, die auf dem Friedhof liegen, die der rumänische Geheimdienst auf dem Gewissen hat“, so ist damit nicht nur freundschaftliche Erinnerung, sondern auch ein Stück ernster und für uns alle nachwirkender und folgenreicher Realität angesprochen. Dabei hat die „Aktionsgruppe Banat“ ihren eigentlichen Ursprung – und dies wird manchmal bewusst oder unbekannterweise übersehen – am Lyzeum von Großsanktnikolaus, einem Städtchen im westlichen Zipfel des rumänischen Banats. 

Im zeitlichen Kontext der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Rumänien im Jahre 1967 und der sogenannten „Tauwetterperiode“ in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre wurde bereits im Jahre 1966 eine deutschsprachige Abteilung am Lyzeum von Großsanktnikolaus eingerichtet. Zu den Schülern der 9. Klasse des ersten deutschsprachigen Jahrgangs am Lyzeum zählten unter anderen Werner Kremm, William Totok und eben Johann Lippet, die später auch zu den Gründungsmitgliedern der „Aktionsgruppe“ gehörten. Ein Jahr später, mit dem zweiten deutschsprachigen Jahrgang des Lyzeums, kam der aus Perjamosch stammende Richard Wagner dazu. Im folgenden Jahr wechselte ich selbst in die 9. Klasse des Lyzeums, wobei ich mit den anderen Genannten schon früher erste Kontakte hatte und Gespräche über Literatur und andere Zeitfragen führte. Zunächst wohl im Rahmen eines von unserer engagierten und literaturbegeisterten Deutschlehrerin Dorothea Götz geleiteten Literaturkreises, der am Lyzeum bestand. Dann später intensiv untereinander.

Wir versuchten uns mit der modernen deutschsprachigen Literatur des Westens vertraut zu machen, uns an deren Schreibweisen und Verständnismöglichkeit heranzuarbeiten, aber uns auch sonst über die Welt und ihre kulturellen und politischen Fragen zu informieren sowie mit avantgardistischer Kunst insgesamt auseinanderzusetzen. In diesem Rezeptions- und Verarbeitungsprozess spielten die immer häufigeren gemeinsamen Gespräche über das Gelesene eine zentrale Rolle – wie auch über das Selbstgeschriebene, das uns immer wichtiger wurde, zumal zunächst auf der Schülerseite der Neuen Banater Zeitung und dann auch in anderen Zeitungen und Zeitschriften durchaus Möglichkeiten zur Veröffentlichung der eigenen literarischen Texte oder anderer Artikel bestanden.

Biographische und autobiographische Anmerkungen

Lippet und Totok kamen schon nach der 4. Klasse an die Schule und in das Internat nach Großsanktnikolaus. In seinem Prosaband „Migrant auf Lebzeiten“ (Pop- Verlag Ludwigsburg, 2008) beschreibt Lippet, wie er bereits 1962 mit einem „Molotow“, dem neuen Lkw der Kollektivwirtschaft von Wiseschdia, mit anderen deutschen Schülern seines Heimatortes als Fünftklässler ins Jungeninternat, in der ehemaligen deutschen Schule, nach Großsanktnikolaus kam. So heißt es rückblickend: „Der Vetter Niklos bedeutete ihnen, abzusteigen, sie waren angekommen. (…) Über zwei Steinstufen betreten sie den Korridor, der Vetter Niklos geht voraus und dirigiert sie durch die offenstehende Tür in den zweiten Schlafsaal auf der rechten Seite. Zwei Reihen Eisenbetten stehen darin, paarweise auf jeder Seite.“ So begann also Johann Lippets weiterführender Lern- und Bildungsweg in Großsanktnikolaus. Und in so präziser Erinnerung und so vertrauter Sprache beschreibt er nicht nur hier die Vergangenheit, verschiedene Episoden seines Lebens und Erlebens, ebenso die wechselvolle Geschichte seiner Heimatgemeinde Wiseschdia und des Banats als seiner weitläufigen Heimat und vieles mehr, sondern auch in seinen rund zwanzig Büchern. Dabei hat Lippets Biographie insofern einen besonderen Anfang, als er 1951 in Wels (Österreich) geboren wurde und seine Eltern mit ihm und seinen Geschwistern erst später, nämlich im Jahr 1956, ins Banat kamen bzw. zurückkamen.

Zum literarischen Werk Johann Lippets

Unter seinen literarischen Arbeiten und Büchern möchte ich nur kurz auf einige wenige hinweisen. In dem 1990 erschienenen Buch „Protokoll eines Abschieds und einer Einreise oder Die Angst vor dem Schwinden der Einzelheiten“ (Wunderhorn-Verlag Heidelberg) werden jene aufreibenden und belastenden Geschehnisse und Erlebniszusammenhänge, jene schmerzhaften „Einzelheiten“ genau festgehalten, die im Zusammenhang mit der Ausreise Lippets und seiner Familie aus Rumänien und mit der Ankunft in Deutschland standen, aber auch mit den Schikanen und Repressionen, den Beklemmungen und Ungewissheiten, die dem vorausgingen. Manches wird von anderen Aussiedlern ähnlich erlebt und erlitten worden sein, manches ist indes sehr spezifisch und gibt tiefe Einblicke in besondere Lebenssituationen, Gefühlszustände und nicht selten von Sorgen und Spannungen geprägte Reflexionen des Autors.

„Dorfchronik, ein Roman“ (Pop- Verlag Ludwigsburg, 2010) kann vielleicht als das bisherige Hauptwerk Johann Lippets angesehen werden. In dieser besonderen, letztlich zu einem eindrucksvollen literarischen Prosatext verdichteten „Chronik“, geht es insofern um ein Dorf, als es vor allem um die Menschen eines Dorfes – des Heimatortes des Autors – geht; um ihre Familiengeschichten, um ihre vielfach kompliziert verflochtenen Schicksale und Lebenswege, um die Einlagerung dieser Einzel- und Familienschicksale in die übergreifenden Irrungen und Wirrungen der Zeitgeschichte, die insbesondere in den Auswirkungen der historischen Großereignisse des 20. Jahrhunderts auf die deutschen Bewohner des Ortes für diese keine einfachen Lebensbedingen schufen, sondern ihnen vielfach einen harten Lebens- und Überlebenskampf abforderten, mit dem Einzelne mehr oder weniger gut zurechtkamen. Die Idee und der Stoff zu diesem Roman sind wohl schon früh entstanden. Es liegen frühe Fragmente und frühere Versuche vor, dieses Vorhaben literarisch anzugehen und zumindest Teile davon zu realisieren. Auch die Securitate hat wohl von der Beschäftigung mit solchen Themen und Gegenständen erfahren und sich dafür offenbar – aus sicherlich nicht gerade literaturfreundlichen Gründen – intensiv interessiert.

Zur Auseinandersetzung mit den Securitate-Akten

In seinem Sach- und Aufklärungsbuch „Das Leben einer Akte. Chronologie einer Bespitzelung“ (Wunderhorn Verlag Heidelberg, 2009) hält Lippet mit eindringlicher Aufmerksamkeit und zugleich mit der nüchternen Sachlichkeit eines vor allem an den Fakten orientierten „Chronisten“ und Betrachters fest, was er vor allem seinen eigenen Securitate-Akten an Bespitzelungen und Verrat entnehmen konnte, auch seitens von Kollegen, von deutschen Intellektuellen, Künstlern und Schriftstellern. Selbst wenn in dem Buch keine Klarnamen genannt werden, weiß man zumeist, um wen es geht. Dies ist ein besonders trauriges Kapitel unserer Geschichte, die auch noch kaum befriedigend aufgearbeitet erscheint. Vor einigen Jahren habe ich in Görlitz mit dem heutigen Bundespräsidenten Joachim Gauck bei einem gemeinsamen Mittagessen ein längeres Gespräch geführt. Dabei ging es auch und nicht zuletzt um die Idee der Freiheit, die dem heutigen Bundespräsidenten wohl von zentraler Bedeutung war und ist und die auch für uns, den ehemaligen Mitgliedern der „Aktionsgruppe Banat“, wesentliches Schreib- und Handlungsmotiv war. Es ging aber auch – so erinnere ich mich – um die damals noch nicht oder nur teilweise erfolgte Öffnung der Archive der Securitate für die Opfer und für die Forschung. Wir waren damals gemeinsam der Meinung, dass es zur Konsolidierung von Demokratie und Freiheit notwendigerweise dazu gehört, das Unrecht der Diktaturen aufzuarbeiten, in Rumänien ebenso wie in Deutschland durch die „Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik“, die der heutige Bundespräsident ja viele Jahre leitete.

Die noch lebenden Angehörigen der „Aktionsgruppe Banat“ hofften, dass wir durch den Zugang zu den Akten der Securitate endlich mehr über die Machenschaften dieser berüchtigten politischen Polizei in Rumänien, aber auch über ihre Helfer und Helfershelfer erfahren würden, auch über solche aus den Reihen rumäniendeutscher Schriftsteller und Intellektueller, die wir als Spitzel der Securitate teilweise bereits seinerzeit kannten. Was wir uns als Opfer allerdings nicht vorstellen konnten, war, dass wir in einem Rechtsstaat wie der Bundesrepublik Deutschland, auf Grund von Rechtsurteilen enttarnte „Informanten“ und „Denunzianten“ nicht mehr beim Namen nennen dürfen. Das ist der denkbar schlimmste Ausgang für die Opfer, dass sie von den Tätern gleichsam nochmals zu Opfern gemacht werden. Und davon ist wohl auch ein großer Schaden für das Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit und Demokratie zu erwarten, denn solche ungerechten und unverständlichen Rechtsurteile wirken ja weit in die intellektuelle Öffentlichkeit hinein. Solange es auch nur ein lebendes Mitglied der ehemaligen „Aktionsgruppe Banat“ gibt, wird solches Unrecht, solche Entstellung der Wahrheit – das kann ich Ihnen hier versprechen – nicht hingenommen. Wir waren, sind und werden in aller Konsequenz den Wertideen der Freiheit, der Wahrheit und der intellektuellen Redlichkeit verpflichtet bleiben, wie lange und schwierig der Kampf gegen die Unkenntnis kommunistischer Verbrechen, der Instrumente und Mechanismen kommunistischer Gewaltherrschaft wie auch der bereitwilligen Verdrängung oder der Naivität in solchen Fragen in Deutschland sein mag. Ich vermute, Johann Lippet denkt innerlich genauso empört wie ich über diese Dinge, ist aber stets leiser, zurückgenommener, sachlicher im Ton. Und doch nicht weniger wirkungsvoll.

Zur Lyrik und lyrischen Prosa Johann Lippets

So kommen wir auch zum Lyriker, zu den Gedichten Johann Lippets, sind doch ein guter Teil seiner Bücher eigentlich Gedichtbände. Ein Teil der Gedichte zeichnet sich durch fließende Übergänge zur lyrischen Prosa aus, sind veritable „Poeme“. Lassen Sie mich mit einem Zitat aus dem „Gedichtbuch“ abschließen, das im letzten Jahr erschien und den Titel „Tuchfühlung im Papierkorb“ (Pop Verlag Ludwigsburg) trägt:

„Auch hinfort wird zu erzählen bleiben von der Herkunft / gottverlassenes Dorf die Einstufung als geographischer Hinweis Banater Tiefebene nicht / Heide wie gemeinhin bezeichnet zur Eingrenzung die Namen von Flüssen verdankt die / einstige Sumpflandschaft ihre Fruchtbarkeit vor Zeiten als die Kornkammer Europas / bezeichnet zur Präzisierung das Land Rumänien / zu schreiben wird sein vom Gehen / vom Abschied / erzwungen mit einem Koffer in der Hand / wie ich im Morgengrauen stand am Grenzbahnhof / wo entlang der Läufe von Kalaschnikows der Weg / führte zum Gleis und Hunde zerrten an den Leinen (…)“


 

 

 

KULTUR
LITERATUR - Nobelpreisträgerin Herta Müller spricht in der Universität Tübingen über Wörter und Grenzen 

»Humor ist doch auch Beklemmung«

VON MONIQUE CANTRÉ

 

TÜBINGEN. Herta Müller wirkte ungewöhnlich gelöst, lächelte viel und scherzte über sich. Aber das täuschte. Der Druck, mit dem sie durch ihre unauslöschlichen Erinnerungen an das Terrorregime in Rumänien lebt, gibt sie nicht frei. Als Professor Jürgen Wertheimer das Wort »Schusslinie« in gänzlich unmilitärischem Zusammenhang benutzte, war ihre gute Laune in der gleichen Sekunde verflogen und sie sagte barsch: »Dieses drecksideologische Vokabular stellt sich selber bloß.« Gleiche Missbilligung erntete »liquidieren«, als Wertheimer darüber sprach, dass die Grenze zwischen Frankreich und Deutschland nach Jahrhunderten liquidiert wurde. 

Es ging bei der von ihm moderierten Veranstaltung im Kupferbau der Universität am Dienstagabend um das Thema »Grenzen« im Rahmen des 8. internationalen Symposiums des Projekts »Wertewelten«. Mit den beiden Literaturnobelpreisträgern Herta Müller und Wole Soyinka aus Nigeria hatte man zu dem Projekt höchste Prominenz aufgeboten. So war der Hörsaal auch nicht nur mit Studenten besetzt, als Herta Müller ihren öffentlichen Auftritt hatte. Ihre schon lange andauernde Freundschaft mit Jürgen Wertheimer nahm durch seine kritisierte Wortwahl augenscheinlich keinen Schaden, denn Herta Müller bedankte sich am Ende bei ihrem Duz-Freund, dass er sie schon nach Tübingen eingeladen habe, »als mich noch nicht so viele Leute kannten«. 

Das Thema Grenze

Ob sie jedoch zum Thema Grenzen die richtige Gesprächspartnerin war, ist die Frage. Der Wahrnehmung, wonach in einer Art Kulturwende in jüngster Zeit nicht mehr das Fallen von Grenzen das Ziel sei, sondern dass die Grenzlinien die Wahrnehmung schärften und ein Mittel der Erkenntnis darstellten, war für Herta Müller offenkundig völlig irrelevant. Das Wort Grenze habe für sie nur die konkrete Bedeutung: »da, wo so viele erschossen wurden oder ertrunken sind«. Das Wort sei bei ihr »dicht besetzt mit Flucht« und metaphorisch werde es nicht verwendet. »Meine Realitäten sind so, dass ich nicht drüberstehen kann.« 

Die meiste Zeit des Abends drehte sich indessen um Herta Müllers Lyrik. Vor allem über die Entstehung ihrer Gedichte, die sie aus ausgeschnittenen Wörtern zusammensetzt. Man kennt aus Kriminalfilmen in dieser Art gefertigte Erpresserschreiben. Herta Müllers Wörter-Collagen sind allerdings akkurate Puzzles im Postkartenformat. Die Inhalte sind rätselhaft, surreal und von ganz eigener Melodik. 

Aus dem Band »Vater telefoniert mit den Fliegen« las sie in drei Blöcken jeweils ein Dutzend Gedichte. Diese wurden an die Wand projiziert, und die zierliche Dichterin ganz in Schwarz stand davor und trug sie mit ihrer herben Stimme mit dem rollenden R vor – eine unglaubliche Darbietung! Ein Beispiel: »Selbst das Reh mit den seidenen Augen und aufrechten Kämmen ist nur ein tastendes Möbel im Schnee«. 

Handarbeit mit Wörtern

»Schreiben in der Begrenzung« – Wertheimer versuchte, Herta Müllers Methode ins Thema Grenze einzubinden. Sie witzelte: »Wenn es klebt, dann hat man sich Grenzen gesetzt.« Aber ordentlich will sie die aus vielerlei Schnipseln bestehenden Textzeilen schon haben. Mit entwaffnender Heiterkeit plauderte sie über ihre »sinnliche« Handarbeit mit den Wörtern, die »gar nicht meine eigenen sind. Das gibt mir eine Leichtigkeit und Halt«. Sie schneidet sie aus Modekatalogen, Zeitschriften, Reklameblättern: »Ich schneide nie aus literarischen Texten, das nennt man ja Plagiat.« Gerne nehme sie aber gedruckte Schreibschriften, die sie meist in Öko-Läden finde: »Das macht den ganzen Text zart.« 

Hunderttausende Wörter habe sie gesammelt und nach den Anfangsbuchstaben in Schubladen sortiert. Längst habe sie den Überblick verloren. Außerdem erhält jede Gedicht-Collage von ihr eine ebenfalls von irgendwo ausgeschnittene und subtil neu zusammengefügte Illustration. 

Auf Jürgen Wertheimers Frage, was ihr Verlag zu der aufwendigen Buchherstellung sagte, erwiderte sie lapidar: »Er sagte, ich soll endlich wieder einen Roman schreiben.« Dem Lob, dass in den Gedichten eine humorvolle und skurrile Herta Müller zu Vorschein komme, entgegnete sie: »Humor ist doch auch Beklemmung.« (GEA) 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 SONDELFINGEN

 

 

"Das Brauchtum gleich einem Baum gepflegt"

Stehend und tief bewegt sangen sie ihr "Siebenbürgenlied". Danach folgte eine Rückschau über das bisher Gewesene. Der Verband der Siebenbürger Sachsen feierte am Wochenende sein 60-jähriges Bestehen.

Autor: JÜRGEN HERDIN | 

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Transsilvanien, in der Mitte Rumäniens gelegen, genauer: im südlichen Karpatenraum, ist die angestammte Heimat der Siebenbürgen. Ihr Siedlungsgebiet gehörte nie zu Deutschland, sondern lange Zeit zu Ungarn und zur Habsburg-Monarchie. Rund 300 000 Siebenbürger Sachsen lebten dort bis in die 1930-er Jahre. Ihr großer Exodus begann nach dem Zweiten Weltkrieg - nach zahlreichen Repressalien und Enteignungen durch das kommunistische Rumänien.

Und die Banater Schwaben sind eine deutsche Bevölkerungsgruppe im Banat. Sie werden mit anderen deutschsprachigen Minderheiten aus dieser Region Südosteuropas unter dem Sammelbegriff Donauschwaben zusammengefasst. Für sie und die 200 Festgäste sprach am Samstag unter anderem auch Theresia Christine Neu, die Vorsitzende der Landsmannschaft der Banater Schwaben. Nach einem Tanz draußen und dem Aufmarsch der Trachtenträger in der Festhalle gab es von Neu Grundsätzliches zur heutigen Positionierung: "Wir bewahren weiter die Traditionen und die kulturellen Werte in unserer nun neuen Heimat. Als Werte- und Schicksalsgemeinschaft sind wir weltoffen - und befinden uns als Landsmannschaft in einem offenen, produktiven Prozess. Und alle sind eingeladen, hierbei mitzuwirken."

Seit Neuestem hat die Landsmannschaft der Banater Schwaben aus Reutlingen auch eine Trachtengruppe. Ebenfalls aufgetreten zum Jubiläum sind der Chor der Kreisgruppe der Siebenbürger Schwaben sowie die Tanzgruppen aus Metzingen und aus Reutlingen.

Der Gastgeber der Feiernden, Sondelfingens Bezirksbürgermeister Werner Schenk, würdigte den Beitrag der Siebenürger Sachsen zum gesellschaftlichen Leben. Im Übrigen sei er als eher etwas Außenstehender "gut vorbereitet worden" auf das Treffen. So konnte ihm bedeutet werden, dass das Zentrum der Siebenbürger, Hermannstadt, kein Dorf ist, sondern über 150 000 Einwohner zählt. Bis zur Rumänischen Revolution 1989 lebten, trotz massiver Repressionen zuvor, immer noch 20 000 Siebenbürger Sachsen im heutigen Sibiu. Heute sind es noch etwa 2000, Bei allem sind alle Ortsschilder und touristischen Informationsschilder in rumänisch und deutsch beschriftet. Auch behördlich wird die Stadt heute als Sibiu/Hermannstadt geführt. Es gibt deutsche Kindergärten, Grundschulen, mehrere Gymnasien mit Deutsch als ganz offizieller Unterrichtssprache.

Nach dem Grußwort von Edmund Thal, dem Vorsitzenden der Kreisgruppe Reutlingen-Metzingen-Tübingen, gab Ehrenvorsitzender Ernst Michael Herberth einen umfassenden Rückblick über die Geschichte der Siebenbürger. Mit gerade einmal einem Dutzend Aktiver tat man sich 1953 in der Region zusammen. Heute sind es - mit allen Familienmitgliedern - rund 750 organisierte Siebenbürger Sachsen.

Schließlich war es an Dr. Alfred Mrass, dem Vize-Bundesvorsitzenden der Vereinigung, "dem "sächsischen Gemeinschaftsleben trotz manchmal auftretender Widrigkeiten" einen guten Fortbestand zu wünschen. "Sie haben das siebenbürgisch-sächsische Brauchtum gleich einem Baum gehegt und gepflegt." Die eine oder andere "Aktivität sei zwar eingeschlafen", aber es sind andere dafür aufgekommen.

Bei allem Fortschritt, dem gegenüber man sich offen zeige, sei mit Blick auf die Traditionen doch zu sagen, "dass wir unsere Herkunft, unser Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeits-Gefühl nie vernachlässigen" und nicht vergessen.

 


 01.06.13

Interviews mit Dr. Heinz-Günther Hüsch in Buchform

Von: W.T.

 

Wohl kaum jemand weiß so gut Bescheid über den Freikauf der Rumäniendeutschen in der Zeit der kommunistischen Diktatur wie Dr. Heinz-Günther Hüsch: Der heute 83-jährige, in Neuss wohnhafte Jurist und ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete verhandelte von 1968 bis 1989 seitens der Bundesrepublik Deutschland mit Rumänien in Sachen Familienzusammenführung. Die Verhandlungen erfolgten mit Vertretern der Securitate, die im Auftrag der höchsten Staats- und Parteiführung des Landes agierten. Rumänien hat sich das Erteilen von Ausreisegenehmigungen mit Millionen DM bezahlen lassen. Und nicht nur.

Der Begriff „Freikauf“ missfällt Dr. Hüsch. Es habe sich um Kauf von Freiheit und Entlassung in die Freiheit bei seinen Bemühungen gehandelt. In einem Interview mit der Neuss-Grevenbroicher Zeitung erklärte er im Juli 2010: „Ich habe 210000 Fälle und damit 210000 Schicksale geregelt. Die Menschen konnten in den Westen und somit in die Freiheit ausreisen. Das zählt. (…) Das war die größte humanitäre Aktion dieser Art zur Zeit des Kalten Krieges. Ich bin dankbar dafür, dass ich einen positiven Beitrag leisten konnte.“

„Kauf von Freiheit“ nennt sich folgerichtig auch das kürzlich erschienene und anlässlich einer Tagung in Hermannstadt zum Thema „Familienzusammenführung versus Freikauf“ lancierte Buch. Wie dem Untertitel „Dr. Heinz-Günther Hüsch im Interview mit Hannelore Baier und Ernst Meinhardt“ zu entnehmen ist, werden darin die in den vergangenen Jahren von Dr. Hüsch den beiden Journalisten gewährten und in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften erschienenen Interviews zusammengefasst. Aufgenommen wurde auch das in der Zeitschrift für Siebenbürgische Landeskunde veröffentlichte Vorwort zu dem von Dr. Hüsch Anfang der neunziger Jahre verfassten und fast 2000 Seiten umfassenden Bericht über seine geheimen Verhandlungen, die im Laufe der Jahre zu mehreren Ausreisevereinbarungen geführt hatten. Ebenso ein Beitrag von Hannelore Baier über die offizielle Haltung Rumäniens zur Familienzusammenführung, der in derselben Zeitschrift erschienen ist, sowie ein Vortrag von Ernst Meinhardt über den Beginn bundesdeutscher Zahlungen an Bukarest. Diese sind mit dem Namen des Rechtsanwalts Dr. Ewald Garlepp verknüpft, dem Vorgänger von Dr. Hüsch in Sachen Freikauf der Rumäniendeutschen. Die Erstveröffentlichung dieses Beitrags erfolgte – wie auch alle anderen im Buch enthaltenen Interviews und Arbeiten von Ernst Meinhardt – in der Banater Post.

Der aus dem Banat stammende Journalist Ernst Meinhardt (Deutsche Welle Berlin) recherchiert seit 2004 zum Thema Freikauf der Rumäniendeutschen. Ein Durchbruch gelang ihm allerdings erst Jahre später, als Dr. Hüsch mit seinem Wissen an die Öffentlichkeit ging und die ersten Interviews gewährte und in Rumänien die umfangreiche Quellenedition „Die Aktion »Rückgewinnung«. Die Securitate und die Ausreise der Deutschen aus Rumänien (1962-1989)“ erschienen ist.                 

Kauf von Freiheit. Dr. HeinzGünther Hüsch im Interview mit Hannelore Baier und Ernst Meinhardt. Hermannstadt: Honterus Verlag 2013. 191 Seiten. ISBN 978-973-1725-90-1. Preis: 29 Lei bzw. 9,90 Euro. Bestellung überwww.buechercafe.ro. Versand nach Deutschland ist möglich (Versandkosten: 3 Euro), Zahlung erfolgt per Banküberweisung auf ein deutsches Konto.



 

Anbei ein Bericht der "NEUEN Zeitung" (Ungarndeutsches Wochenblatt, 31. Mai 2013).


Heimattage in Temeswar 


Nostalgie ohne Wehmut


„Die Geschichte geht weiter, nur wir sind gegangen“ – auch das klang in den vielen Festreden beim Treffen der Banater Schwaben in Temeswar mit. Über 150 Gäste aus Deutschland, einst alle Einwohner der Gegend um Temeswar, reisten zum Aufmarsch der Traditionen aus Deutschland an. Auch sie wollten zeigen, dass Traditionspflege in Deutschland noch großgeschrieben wird, sie wollen ihre Wurzeln nicht vergessen, und besuchen deshalb jedes zweite Jahr zusammen die alte Heimat.
Eine junge Gruppe ist das, mit vielen Teenagern und jungen Familien, sie tanzen und präsentieren ihre Trachten sehr gerne und genießen die Blasmusik, wie einst wohl ihre Ahnen. „Treu zur Tradition, zuversichtlich in die Zukunft“ lautete das Motto der 11. Heimattage vom 22. – 26. Mai, welche die Gäste mit zahlreichen Festprogrammen unterhielten. Gedacht wurde auch dem hochverehrten banatschwäbischen Schriftsteller Adam Müller Guttenbrunn, der unweit von Temeswar in Guttenbrunn geboren wurde. Man konnte sein Schaffen im neuen Museum kennenlernen, aber auch eines seiner Mundarttheaterstücke genießen.
Deutschsprachige Literatur gibt es auch jetzt im Banat, in der Gesellschaft „Stafette“ versammeln sich die meist jungen Autoren, die in deutscher Sprache schreiben und veröffentlichen. Ihre Werke konn-ten die Zuschauer, Zuhörer auch bei einer Lesung kennenlernen, und zwar zusammen mit ungarndeutschen Geschichten und Gedichten, denn die Stafette pflegt schon seit 20 Jahren gute Kontakte zum VUdAK, dem Verband Ungarndeutscher Autoren und Künstler.
Die gemeinsame Lesung zeichnete Radio Temeswar auf, genau wie schon vor zehn Jahren. Diesmal erscheint aber nicht nur eine CD, wie damals, sondern auch eine DVD und ein Buch mit den Texten, welches dann an deutsche Schulen in Rumänien und Ungarn verteilt werden soll. Mitorganisator der Festtage war das Funkforum, der deutschsprachige Medienverein, der eine Plattform im Internet bietet, wo Medienvertreter aus Rumänien, Ungarn, Serbien und Kroatien über ihre deutsche Minderheit berichten können.So gut die Stimmung auch war, ab und zu sah man doch grübelnde Menschen, denn in diesen Ortschaften, die besucht wurden, blieben keine Schwaben, in Guttenbrunn soll eine einzige Schwäbin wohnen – früher war das ein rein deutsches Dorf, und zwar bis vor 30 Jahren. Zuversicht, dieses Wort wurde öfters wiederholt, doch es ist schwer, wenn sogar heute noch Schwaben auswandern. Die guten einsprachigen deutschen Schulen werden überwiegend von Rumänen genutzt, wobei es immer schwerer wird, Pädagogen zu finden für die deutschen Abteilungen, denn auch unter den Fachkräften ist die Abwanderung groß. Immerhin haben die Deutschen in Rumänien mehrere Radiosendungen in deutscher Sprache, mehrere Zei- tungsredaktionen, und sehr viel mehr Mitarbeiter als die ungarndeutschen Medien, obwohl das Deutschtum in Rumänien laut der jüngsten Volkszählung nicht mal auf 40.000 Leute kommt.
Chr. A.

 

 

 

 


 

 Ein Banater Schwabe macht Praktikum in Entre Rios!

 

»... wie ein Grundgesetz der Vertriebenen«

Vor 60 Jahren wurde das Bundesvertriebenengesetz verkündet – Mit Interesse begleitete das Ostpreußenblatt sein Entstehen

21.05.13
Das Vertriebenengesetz sollte auch ihnen die Integration in die bundesdeutsche Gesellschaft erleichtern: Mutter mit Kindern im Flüchtlingslager Harkenbleck bei Hannover. Bild: BpK

Am 22. Mai 1953 wurde die erste Fassung des Gesetzes über die Angelegenheiten der Vertriebenen und Flüchtlinge im Bundesgesetzblatt verkündet. Zwei Wochen später trat es in Kraft. Heute kennen insbesondere Heimatvertriebene das Bundesvertriebenengesetz vor allem wegen des Paragrafen 96 betreffs der Pflege des Kulturgutes der Vertriebenen und Flüchtlinge und Förderung der wissenschaftlichen Forschung. Aber das war nicht immer so.

Abgesehen von diesem Paragrafen 96 betrifft das Bundesvertriebenengesetz mit seinen acht Abschnitten Allgemeine Bestimmungen, Verteilung, Rechte und Vergünstigungen, Behörden und Beiräte, Aufnahme, Namensführung, Beratung, Kultur, Forschung und Statistik, Strafbestimmungen sowie Übergangs- und Schlussvorschriften heutzutage eher die Spätaussiedler als die Heimatvertriebenen. Das war nicht immer so, wie der Name bereits vermuten lässt. Das spiegelt sich auch in der Berichterstattung in der größten Vertriebenenzeitung der Bundesrepublik Deutschland, dem Ostpreußenblatt. 
Bereits zwei Jahre vor dem Inkrafttreten stellte die Zeitung unter der Überschrift „Ein Gesetz als Charta der Vertriebenen“ den Kern des Gesetzes beziehungsweise des damaligen Gesetzentwurfs als eine Reihe von Bestimmungen vor, „die für das Schicksal der Vertriebenen sehr wichtig sind“. Was damals für den Gesetzentwurf galt, gilt heute nicht weniger für das Gesetz: „Es ist natürlich unmöglich, in einem kurzen Zeitungsaufsatz den Inhalt eines so wichtigen Gesetzesantrages erschöpfend wiederzugeben.“
Erst im übernächsten Jahr, in der Nummer 10 vom 5. April 1953, konnte das Ostpreußenblatt berichten: „Das Frühjahr 1953 hat auch die Vertriebenen mit allerlei Hoffnungen erfüllt. Allein es scheint, wir haben etwas zu viel erwartet und zu wenig daran gedacht, dass, wo immer Entscheidungen von Menschen abhängen, es auch allzu leicht menschelt. Freilich hat der Bundestag, wenn auch unter wenig erbaulichen Begleitumständen, das Vertriebenengesetz verabschiedet und wir sind damit nach vielen Jahren des Wartens und Zeitvertrödelns einen wesentlichen Schritt vorangekommen.“ Mit den „wenig erfreulichen Begleitumständen“, die auch dafür verantwortlich waren, dass sich die Gesetzesverabschiedung so lange hinzog, ist der Streit zwischen westdeutschen sowie ostdeutschen (und mitteldeutschen) Landwirten beziehungsweise deren Interessenvertretungen um die Verteilung des westdeutschen Grund und Bodens im Allgemeinen und deren Regelung im Vertriebenengesetz im Besonderen gemeint. Dieser „Bauernkrieg“, wie das Ostpreußenblatt ihn humorvoll nannte, war auch die Ursache, dass sich die Gesetzesverabschiedung länger als ursprünglich erwartet hinzog.
 Mit „Grüner Front“ meint die „Ostpreußen-Warte“ – das von Hellmuth Kurt Wander herausgegebene und vom Eichland-Verlag in Göttingen verlegte „Heimatblatt aller Ost- und Westpreußen“, so der Untertitel – die Interessenvertretung der westdeutschen Landwirte, wenn es dort in der April-Nummer unter der Überschrift „Vertriebenengesetz verabschiedet“ heißt: „Das Bundesvertriebenengesetz ist nach heißen und harten Kämpfen vom Bundestag am Mittwoch, den 25. März mit Dreiviertelmehrheit verabschiedet worden, so dass es in Kürze in Kraft treten wird. Die Funktionäre der ,Grünen Front‘ hatten in den Beratungen der letzten Wochen alles aufgeboten, um die für die heimatvertriebenen Bauern günstigen Bedingungen zu Fall zu bringen. Sie können den traurigen Ruhm für sich in Anspruch nehmen, dass ihnen ihr kurzsichtiges und engstirniges Vorhaben im Großen und Ganzen gelungen ist. Die um ihre Wiederwahl in den Bundestag besorgten Vertreter der ,Grünen Front‘ haben einen echten Ausgleich verhindert und damit zahllosen ostvertriebenen Bauern die Möglichkeit genommen, im Westen wieder sesshaft zu werden. Die turbulenten Szenen im Bundestag bei den Beratungen über das Vertriebenen-Gesetz bewiesen, wie sehr gewisse Volksvertreter von einem gesamtdeutschen Denken und Fühlen entfernt sind.“
Nach dieser Abrechnung mit der „Grünen Front“ führt die Zeitung aus, was trotz deren Widerstands von der bevorzugten landwirtschaftlichen Ansiedlung von Vertriebenen im Vertriebenengesetz übriggeblieben ist, beispielsweise, „dass bei der Vergabe von Neusiedlerstellen das neu anfallende Siedlungsland nach Fläche und Güte ,mindestens zur Hälfte‘ den Vertriebenen zuzuteilen ist. Die Einheimischen sind ,gleichrangig‘ zu berücksichtigen. Die ursprünglich im Gesetz vorgesehene Steuer- und Abgabenvergünstigung in Fällen der Einheirat von Vertriebenen fiel dagegen auf Drängen der ,Grünen Front‘ fort. Auch die Bestimmung, dass landwirtschaftliche Gebäude und Ländereien für die Ausstattung eines sogenannten wüsten Hofes in Anspruch genommen werden könnten, fiel der Opposition der ,Grünen Front‘ zum Opfer. Das Gesetz bestimmt jetzt lediglich, dass nur solches Land in Anspruch genommen werden kann, dass sich im Eigentum des Bundes und der Länder befindet. Private Ländereien können für die Vertriebenenansiedlung nur dann beansprucht werden, wenn sie schlecht bewirtschaftet sind. Hierdurch wird die pachtweise Inanspruchnahme von Land also erheblich eingeschränkt.“
Trotz dieser Einschränkungen und der beklagten Erfolge der „Grünen Front“ – ein Begriff, den Kenner der österreichischen Geschichte eigentlich eher mit der in der Ersten Republik durch den Landbund für Österreich gegründeten Bauernwehr verbinden – stimmten auch die Vertriebenenvertreter in der Regierungskoalition für das Vertriebenengesetz. Der damalige Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, Linus Kather, der für die Regierungspartei Gesamtdeutscher Block/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (GB/BHE) im Deutschen Bundestag saß, begründete diese Zustimmung mit den übrigen Teilen des Gesetzes.
Auch der Bauernverband der Vertriebenen fällte auf seiner Mitgliederversammlung ein letztlich positives Urteil über das Gesetz: „Die heimatvertriebenen Landwirte haben lange auf dieses Gesetz warten müssen. Die Bestimmungen des landwirtschaftlichen Teiles erfüllen nicht alle Erwartungen, die auf die notwendige Landbeschaffung gesetzt wurden. Dennoch sehen wir in dem Gesetz die Grundlage und Voraussetzung zur beschleunigten Eingliederung und damit zur Erhaltung des ostdeutschen Bauerntums. Wir danken allen denen, die unbeirrt für dieses Gesetz eingetreten sind.“
Am 24. April 1953 stimmte schließlich auch  der Bundesrat zu. Unter der Überschrift „Vertriebenengesetz wird Wirklichkeit“ war dann am 1. Mai in den „Ostpreußischen Nachrichten“, die von der gleichnamigen Verlags- und Vertriebsgesellschaft im Haus der ostdeutschen Heimat in Berlin herausgegeben wurden, auch zu lesen, warum das Gesetz trotz der als unzulänglich empfundenen landwirtschaftlichen Bestimmungen seitens der Vertriebenen eine breite Zustimmung fand: „Mit dem Bundesvertriebenengesetz ist neben das Lastenausgleichsgesetz, in dem die Entschädigung aller durch den Krieg und die Kriegsfolgen Betroffenen geregelt wird, so etwas wie ein Grundgesetz der Vertriebenen getreten. In dem Gesetz wird zum ersten Mal eine eindeutige Definition der Begriffe ,Heimatvertriebene‘, ,Vertriebene‘ und ,Sowjetzonenflüchtlinge‘ gegeben und ihre Rechte und Vergünstigungen einheitlich geregelt. In dem Gesetz werden die besonderen Eingliederungsmaßnahmen für die einzelnen Berufsgruppen der Vertriebenen zusammengefasst und festgelegt. Beschränkungen im geltenden Landes- und Gemeinderecht, die darin bestehen, dass die Ausübung von Rechten an besondere Beziehungen wie Geburtsort und Wohnsitz zu einem Land oder einer Gemeinde geknüpft sind, werden in Zukunft für die Vertriebenen entfallen. Das Gesetz sieht auch eine grundsätzliche Gleichstellung mit den Einheimischen auf dem Gebiet der Sozialversicherung vor und enthält eine Schuldenregelung für die Vertriebenen. Das Gesetz enthält weiter einen Rechtsanspruch auf Familienzusammenführung.“
Rückblickend lässt sich feststellen, dass die Integration der Heimatvertriebenen in der Bundesrepublik Deutschland gelungen ist wie kaum eine andere Eingliederung von Flüchtlingen vergleichbarer Größenordnung in der Geschichte. Der Erfolg hat viele Väter. Wenn es auch umstritten sein mag, inwieweit dieser eine Folge des Bundesvertriebenengesetzes, des damit nicht zu verwechselnden Lastenausgleichsgesetzes, des Einsatzes der Vertriebenen oder der Solidarität der Westdeutschen ist, so ist er selber doch nicht zu leugnen. 
Allerdings ist es auch gerade diese gelungene Integration, die jenen Gegnern der Vertriebenen im In- und Ausland in die Hände spielt, die auf eine biologische Lösung setzen. Da die der Erlebnisgeneration folgenden Generationen in der Regel in relativem Wohlstand aufgewachsen sind beziehungsweise aufwachsen und in Staat und Gesellschaft nicht gegenüber Gleichaltrigen benachteiligt werden, ist häufig kein Leidensdruck, keine Sehnsucht nach der Heimat der Vorväter, in der es einem vermeintlich besser ergehen würde, vorhanden. Wenn nicht ohnehin global gedacht wird, findet häufig eine Identifikation mit der bundesdeutschen Gegend statt, in der man geboren und aufgewachsen ist. Dort hat man eine Kindheit in geordneten Verhältnissen verlebt, ist als Gleicher unter Gleichen behandelt worden. Das geht im Zweifelsfall sogar so weit, dass eine Hamburger Studentin mit Vertriebenenhintergrund ernsthaft meinte, sie sei froh, dass ihre Eltern vertrieben worden seien, denn so lebe sie in einer pulsierenden Weltstadt statt in der Pampa. 
Es ist nicht zuletzt auch die in dieser Aussage zum Ausdruck kommende Kombination aus fehlender Identifikation mit den Vertreibungsgebieten und Unwissenheit über deren hohen kulturellen Entwicklungsstand, die den Paragrafen 96 heute wichtiger denn je macht. Denn vor 60 Jahren waren die materiellen Probleme groß, aber dafür war die Bedeutung der Vertreibungsgebiete noch präsent. Heute ist es eher umgekehrt. Für viele Multiplikatoren in den Medien, aber auch in den staatlichen Bildungseinrichtungen endet Deutschland an Oder und Neiße, und das nicht nur in der Gegenwart, sondern auch rückwirkend für die deutsche Geschichte. Da ist der Paragraf 96 ein Anknüpfungspunkt zur Gegenwehr. 
 Manuel Ruoff


 

 

 

 

30.04.13
 
 

Hilfe für ehemalige Baragan-Deportierte

Von: Ewald Ott

 

Bei der Stiftung für ehemalige politische Häftlinge (HHG, An der Marienkapelle 10, 53179 Bonn) können ehemalige politische Häftlinge Unterstützungsanträge stellen, wobei – je nach Familienstand und Nettoeinkommen aller im Haushalt lebenden Personen – bestimmte Einkommensgrenzen nicht überschritten werden dürfen.

Zu diesem Personenkreis gehören auch die Banater Schwaben, die 1951 in die Baragan-Steppe deportiert wurden. Aufgrund verschiedener Hinweise in der Vergangenheit in der Banater Post sind zwar entsprechende Anträge gestellt und Unterstützungsleistungen bewilligt worden, doch wurde in vielen Fällen nur ein Antrag, vereinzelt ein zweiter gestellt.

Es wird darauf hingewiesen, dass wiederholt Anträge auf Unterstützung gestellt werden können, allerdings frühestens zwölf Monate nach der vorausgegangenen Hilfe. Anträge sind bei der Stiftung HHG anzufordern (Anschrift siehe oben, Tel. 0228 / 3689370), die dann mit den notwendigen Unterlagen an die Stiftung zu senden sind (unbeglaubigte Kopien von Gehaltsabrechnungen, Rentenbescheiden und Nachweis der monatlichen Mietkosten).


 

 
20.04.13
 

Zeitzeugen für Dokumentarfilm gesucht

 

© Razvan Georgescu

Der Dokumentarfilmautor und Kulturjournalist Razvan Georgescu realisiert für MDR/WDR/HR und HBO-Rumänien einen Film über die Umstände der Auswanderung aus Rumänien in den Jahren der kommunistischen Diktatur. Unter anderem soll auf das heikle Thema der Schmiergeldzahlungen eingegangen werden.

Gesucht werden Personen, die bereit sind, öffentlich vor der Kamera über das Thema zu sprechen. Dies wäre auch ein Beitrag zur notwendigen Aufarbeitung sämtlicher Aspekte des Auswanderungsprozesses der Deutschen aus Rumänien. Der Dokumentarfilm soll bis Ende 2013 fertiggestellt werden. Landsleute, die daran mitwirken wollen, mögen sich bei der Landsmannschaft der Banater Schwaben melden (E-Maillandsmannschaft@banater-schwaben.de, Tel. 089 / 2355730089 / 2355730). 

 


 

Gedenktag für Heimatvertriebene

Bayern führt 2014 einen Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung ein. Er soll an jedem zweiten Sonntag im September stattfinden.

Horst Seehofer will die Lebensleistung der Heimatvertriebenen und Spätaussiedler würdigen. Foto: dpa

Horst Seehofer will die Lebensleistung der Heimatvertriebenen und Spätaussiedler würdigen. Foto: dpa

MÜNCHEN. Bayern führt einen Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation ein. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sagte laut Mitteilung am Mittwoch in der Kabinettssitzung: „Mit einem landesweiten Gedenktag geben wir das Signal: Vertreibung ist und bleibt Unrecht.“ Der Gedenktag soll ab 2014 jedes Jahr am zweiten Sonntag im September stattfinden.

Seehofer weiter: „Bayern verdankt seinen Heimatvertriebenen und Spätaussiedlern viel.“ Mit Können, Fleiß und großer Willensstärke hätten sie sich in Bayern eine neue Existenz aufgebaut und „dadurch zum Erfolg unseres Landes beigetragen“. Diese Menschen seien mit ihrer Lebensleistung Vorbilder in der Gesellschaft. Gerade für die jüngere Generation sei das Gedenken wichtig, denn sie gestalte das „europäische Haus von morgen“.

Bayerns Familienministerin Christine Haderthauer (CSU) sagte, dass der Gedenktag ein langgehegter Wunsch sei. „Die Heimatvertriebenen und Spätaussiedler haben diesen Tag verdient.“ Laut Haderthauer wurden rund 15 Millionen Deutsche am Ende des Zweiten Weltkriegs vertrieben und verloren so ihre Heimat. Etwa 2,1 Millionen Heimatvertriebene und Flüchtlinge seien nach Bayern gekommen, die meisten von ihnen Sudetendeutschen. Seit 1950 seien nochmals 640.000 Aussiedler und Spätaussiedler aus Osteuropa in den Freistaat gezogen. (epd)

 

 


25.04.13
 

Heimattage in Temeswar

 

Die Trachtengruppen aus München und Esslingen würden 2011 von den Original Banater Dorfmusikanten München nach Temeswar begleitet. Hier die Gruppen zusammen mit der Temeswarer Trachtengruppe "Banater Rosmarein" auf der Bühne des "Capitol"-Saals.

Es ist schon seit langem Tradition, dass Trachtengruppen aus dem Banat am Heimattag in Ulm und im Gegenzug Banater Trachtengruppen aus Deutschland an den Heimattagen der Banater Deutschen in Temeswar teilnehmen. Auch dieses Jahr hat das Demokratische Forum der Deutschen im Banat zwei Tanz- und Trachtengruppen der DBJT zu den zweijährlich stattfindenden Heimattagen in die Banater Hauptstadt eingeladen. Die Wahl auf die Gruppen aus Karlsruhe und Frankenthal. Erfreut zeigten sich deren Mitglieder über die Gelegenheit, ins Banat reisen zu können. Für die Erwachsenen unter ihnen wird es ein Wiedersehen mit der alten Heimat, für die Kinder und Jugendlichen bietet sich die Chance, die Heimat ihrer Eltern kennenzulernen. Begleitet werden die beiden Tanzgruppen von der Blaskapelle Weinbergmusikanten unter der Leitung von Johann Wetzler. Diese Reise ermöglicht auch einen direkten Austausch zwischen Jugendlichen von hier und dort. Und so findet gleich am ersten Abend eine Kennenlernrunde statt, bei der Jugendliche aus Temeswar und Billed sowie aus Karlsruhe und Frankenthal miteinander ins Gespräch kommen und gemeinsam tanzen, singen und feiern werden

Am Freitag, 24. Mai, nehmen die beiden Tanzgruppen und die Blaskapelle an der Festveranstaltung zum 90. Todestag des Heimatschriftstellers Adam Müller-Guttenbrunn in dessen Geburtsort teil.

Die feierliche Eröffnung der Heimattage findet tags darauf um 11 Uhr im Saal der Temeswarer Oper statt. Am Nachmittag, ab 16.30 Uhr, bieten die Kulturgruppen ein Festprogramm im Capitol-Saal, und am Abend laden die Veranstalter zu einem Ball im Festsaal des Adam-Müller-Guttenbrunn-Hauses ein. Den Höhepunkt der Heimattage bildet der große Trachtenaufmarsch durch das Stadtzentrum am Sonntagvormittag, gefolgt von einer Andacht im Dom. Die Gastgruppen aus Karlsruhe und Frankenthal freuen sich schon auf spannende Tage in Temeswar. Sie werden mit vielen Eindrücken zurückkehren und darüber bestimmt auch in der Banater Post berichten.

Gedenkveranstaltung im Banat für Adam Müller-Guttenbrunn

Im Rahmen der diesjährigen Heimattage der Banater Deutschen (24.–26. Mai) organisiert das Demokratische Forum der Deutschen im Banat in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Guttenbrunn/Zabrani, der Landsmannschaft der Banater Schwaben, dem Hilfswerk der Banater Schwaben und der Banater Jugendorganisation DBJT eine Festveranstaltung zu Ehren von Adam Müller-Guttenbrunn in dessen Geburtsort. Anlass ist der 90. Todestag des Erzschwaben und die Aufnahme des Adam-Müller-Guttenbrunn-Museums in die Kultursphäre des Kreises Arad. Die Veranstaltung findet am Freitag, dem 24. Mai, statt. Um 10 Uhr lädt die Gemeinde Guttenbrunn zu einem Empfang im Rathaus ein, danach wird das Adam-Müller-Guttenbrunn-Museum besichtigt. Nach einer Andacht in der Guttenbrunner katholischen Kirche (11.30 Uhr) findet um 12 Uhr die Festveranstaltung im Kulturheim (ehemals „Großes Wirtshaus“) statt. Es wirken mit: die Trachtengruppe Banater Rosmarein aus Temeswar, die Trachtengruppen aus Karlsruhe und Frankenthal und dieWeinbergmusikanten. Eine Theatergruppe wird Szenen aus dem Guttenbrunn-Stück „Meister Jakob und seine Kinder“ spielen. Am Nachmittag finden Führungen zum restaurierten „Guten Brunnen“, zur Adam-Müller-Guttenbrunn-Schule und zum Geburtshaus des Schwabendichters statt. Zu dieser Veranstaltung, die sich mit dem Besuch der Heimattage und der Kirche Maria Radna verbinden lässt, wird herzlich eingeladen.

 

 

 

 

 


 15.04.13

Der literarischen Moderne zugehörig

Von: Walter Engel

Gerhard Ortinau (links) bei der von Walter Engel moderierten Lesung im Rahmen des Kulturnachmittags des Kreisverbandes Reutlingen.

Sein Name wird stets genannt, wenn von der „Aktionsgruppe Banat“ die Rede ist, denn Gerhard Ortinau gehört zum Kern dieses Freundeskreises junger banat-deutscher Autoren, die in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts im rumäniendeutschen Literaturbetrieb für frischen Wind sorgten. Als junge, selbstbewusste Generation wandten sie sich gegen die traditionelle Heimatliteratur; sie suchten und erreichten in ihrem Schreiben die Annäherung an die literarische Moderne der Nachkriegszeit im deutschen Sprachraum. Dies bedeutete auch eine kritische Distanz zur banat-schwäbischen Literaturtradition und und zu überlieferten Lebensformen. Dass es dabei zu Überspitzungen, zu Missverständnissen und heftigen Kontroversen innerhalb der kleinen banat-schwäbischen Öffentlichkeit kam, ist bekannt. Doch die Öffnung zum damals aktuellen deutschen Literaturgeschehen – es handelte sich vor allem um jenes in Westdeutschland und Österreich – und die daraus resultierende Erneuerung der banat-deutschen Literatur bedeutete auch eine gewissermaßen non-konforme Haltung gegenüber der ideologisch gelenkten und verkrusteten Kulturpolitik in Rumänien. Die Reaktion des kommunistischen Machtapparates blieb nicht aus. Die jungen Autoren gerieten ins Visier des rumänischen Geheimdienstes Securitate. Die Aussiedlung in den Westen war schließlich auch für sie die einzige Lösung.

Die Erfahrungen der siebziger Jahre waren prägend für den Autor Gerhard Ortinau, geboren 1953, und hatten weitreichende Auswirkungen auf seinen späteren Lebensweg und auf seine Arbeit als Schriftsteller, was eher seinen Texten zu entnehmen ist als selbstbiographisch unterlegten Auftritten in der Öffentlichkeit, die ihm fremd sind. In seinem noch in Rumänien publizierten Kurzprosa-Band „verteidigung des kugelblitzes“ (Klausenburg, 1976) jedoch finden sich Hinweise auf frühe Verletzungen und bedrückende Erinnerungen. Mitten im Buch steht die „Kleine Geschichte“, hier ein Auszug daraus: „Den Erzählungen meiner Eltern ist zu entnehmen, dass ich am späten Abend in einer Art schilfgedeckter Erdhütte geboren wurde. Im Zimmer befand sich das Wichtigste. Draußen hatten die Leute tagsüber Tunnels in den mannhohen Schnee geschaufelt, mittlerweile hatte sie aber der Sturm schon wieder zusammengewirbelt ... Ich erblickte am 17. März des Jahres 1953 in dem Weiler Movila Gîldaului das Licht des Baragans. Alles andere erfuhr ich aus Büchern und aus Zeitschriften ...“ Der Kurztext „Der Flüchtling“ (1979) ließe sich hier anfügen.

Gerhard Ortinau ist in der Gemeinde Sackelhausen bei Temeswar aufgewachsen. Er besuchte das Lenau-Lyzeum und studierte anschließend Germanistik und Romanistik an der Universität Temeswar. In seiner Studentenzeit fand der literarische Freundeskreis „Aktionsgruppe Banat“ zusammen, heute ein fester Begriff in der neueren deutschen Literaturchronik. 1975 wurde Ortinau zusammen mit anderen Mitgliedern der Gruppe verhaftet und verhört. Die Drangsalierungen durch den Geheimdienst, denen das Publikationsverbot für den Dichter folgte, nahmen immer schärfere Formen an. Erst nach Einsichtnahme in seine Securitate-Akte wurde sich Gerhard Ortinau des Ausmaßes der Überwachung bewusst, der er und seine Freunde ausgesetzt waren. Im Gespräch, anschließend an seine Lesung
vor Banater Landsleuten in Reutlingen, sagte Gerhard Ortinau unter anderem: „Meine Wohnung war vollständig verwanzt. Bei mir fanden viele Begegnungen statt. Alles wurde abgehört. Auch das Privatleben war dabei. Es ist wirklich unheimlich, wie weit diese Niederschriften gehen ... Was ich über mich und mein Verhalten erfahre, ist erstaunlich.“ 1980 konnte Gerhard Ortinau in den Westen Deutschlands ausreisen.

Als Siebzehnjähriger hat er seinen ersten literarischen Text veröffentlicht. Zahlreiche Publikationen, Lyrik und Kurzprosa, folgten in rumäniendeutschen Periodika, vor allem in der Bukarester Zeitschrift „Neue Literatur“. Aufsehen erregte sodann der junge Schriftsteller bei der Fachkritik mit dem Band „verteidigung des kugelblitzes“, dessen Texte auch heute, nach nahezu vier Jahrzehnten seit der Veröffentlichung, als herausragende moderne Prosa wahrgenommen werden. Der Autor selbst steht zu Recht auch zu seiner in jenen Jahren entstandenen Lyrik. Eine Auswahl daraus ist 2010 unter dem Titel „Am Rande von Irgendetwas“ im hochroth-Verlag Berlin erschienen, herausgegeben von Ernest Wichner. In allen Anthologien der „Aktionsgruppe“ ist Gerhard Ortinau vertreten, von der Sonderausgabe der Literaturzeitschrift „die horen“ (3. Quartal 1987) bis zum Reclam-Band „Das Land am Nebentisch“ (Leipzig, 1993). Der Titel der bei Suhrkamp erschienenen Anthologie „Ein Pronomen ist verhaftet worden“ (Frankfurt a.M., 1992) ist seinem vielzitierten Gedicht „Moritat von den zehn Wortarten der traditionellen Grammatik“ entnommen, das er mit einundzwanzig Jahren geschrieben hat. Es gilt nicht nur als exemplarisch für Ortinaus dichterische Originalität und Modernität, sondern als Musterbeispiel politisch-oppositioneller Lyrik in einer „gleichgeschalteten“ Gesellschaft, hier des „real existierenden“ Sozialismus. Die ansonsten grammatikalisch beschriebene Hierarchie der Wortarten wird im Gedicht geradezu umfunktioniert in totale Abhängigkeitsverhältnisse, wie sie eben die Diktatur hervorgebracht hat: Das Pronomen wurde „verhaftet“, das Verb „in die Falle gelockt“, die Interjektion „beißt sich auf die Zunge“ usw.

Neben seiner Lyrik und Kurzprosa hat Ortinau auch Theaterstücke verfasst, die an deutschen Bühnen zur Aufführung kamen. „Käfer. Eine deutsche Komödie“ ist in „Theater der Zeit“ (Nr. 6/1997) erschienen und 1997 am Theater der Stadt Heidelberg uraufgeführt worden. Sein Schauspiel „Die Nacht des schlaflosen Kellners“ wurde am Staatstheater Oldenburg in Szene gesetzt (2002). Darin geht es um das Drama einer Frau, zerrissen zwischen Realität und Wahnvorstellungen. Dazu heißt es im Verlagstext (Henschel): „Gerhard Ortinau interessiert die Grauzone zwischen Realität und Absturz ... (die) Bruchstellen zwischen Schuld und Sucht“. Es handle sich um „eine poetisch bestechende Geschichte nach einem authentischen Bericht“. Damit scheinen mir konstante Merkmale des zwar nicht umfangreichen, aber komplexen und tiefgründigen Werkes von Gerhard Ortinau benannt: enger Bezug zum Authentischen, Prägnanz der poetischen Sprache und Gestaltung des Erlebnisraums zwischen Realität und Traumvorstellung.

In seiner Prosa geht er häufig von einem konkreten Erlebnis, von überlieferten Ereignissen oder einer gesellschaftsgeschichtlichen Situation aus: z. B. in „Selbstmord eines Genossen im Jahre 1910. Fortgesetzter Bericht über einen Bericht“, „Notdichter 1937“, „Ein leichter Tod“, „Wehner auf Öland“ (Theatermonolog). Doch nicht das vordergründige äußere Geschehen, sondern die Suche nach inneren Beweggründen, nach den Auswirkungen politischer und sozialer Verhältnisse auf den Menschen, der nicht selten zum Opfer wird, prägt die Substanz dieser Texte. Es sind verborgene Schichten menschlicher Existenz, die ausgelotet werden, so der Zustand zwischen Wirklichkeit und Traum, zwischen Erleben und Erinnerung. Durch seine klare, konzentrierte Sprache und einen zupackenden, eindringlichen Erzählstil und die originelle Anver-wandlung tradierter Formen (Monolog, Novelle, Brief, Bericht) gelingt es Gerhard Ortinau, eine eigentümliche Atmosphäre und echte Spannung in seinen zuweilen ironisch-satirischen und parodierenden Texten zu erzeugen. In seiner recht kurzen, aber intensiven Temeswarer Schaffensphase entstanden Texte mit starkem Banater Lokalkolorit, ohne dass dadurch eine überregionale oder zeitlich weitreichende Wirkung geschmälert würde. Bekanntlich ist der kleinste Geschehnis-Ort gut genug für große Literatur. Dazu zählt sicher auch der nicht unpolitische Text „die pest“, mit dem Hinweis „nach einer lektüre adam müller-guttenbrunns“.

Die Einstellung des jungen Gerhard Ortinau zum Traditionalismus und dem historischen Selbstbild der Banater Schwaben wird deutlich in der ironisch-satirischen „letzten banater story“, einem fingierten „offenen brief“ an den „genossen r. wagner, temeswar“, der phantastischerweise im Jahre 2015 in „luna-city (ost)“, also auf dem Mond geschrieben wurde und von einem Museum mit dem „schmeichelhaften namen lebendiges banat“ handelt. Eine merkwürdige, literarisch-groteske Vorwegnahme realer Geschichte. Zu Adam Müller-Guttenbrunns Werk hat Gerhard Ortinau ein zwiespältiges Verhältnis. Er schätzt die akribische historische Dokumentation, die Adam Müller-Guttenbrunns Romanen zugrundeliegt und auch die Wirkung, die davon zur Zeit ihres Erscheinens ausging: „Ich habe Adam Müller-Guttenbrunn gelesen, auch seine Biographie von Hans Weresch. Ich habe entdeckt, dass er unglaublich zuverlässig ist ... Man kann von Unterhaltungsliteratur sprechen, aber man muss sagen, dass er in wirksamer Form geschrieben hat.“

Gerhard Ortinau ist ein moderner deutscher Schriftsteller von beachtlichem Rang. Er hat bisher kein umfangreiches, aber ein komplexes Werk geschaffen. Nicht nur anlässlich des 60. Geburtstags von Gerhard Ortinau ist seinen Texten eine größere Öffentlichkeit zu wünschen, auch unter seinen Banater Landsleuten.       


 05.04.13

Landsmannschaft stellt Weichen für die Zukunft (I)

 

Der Bundesvorstand der Landsmannschaft traf sich mit den Vorsitzenden der Kreisverbände und der Heimatortsgemeinschaften zum alljährlichen Informations- und Erfahrungsaustausch in Frankenthal

Dr. Mathias Beer

Die Kindertrachtengruppe des Kreisverbandes Frankenthal begeisterte die Zuschauer. Fotos:Walter Tonţa

Zwecks Erörterung aktueller Fragen der landsmannschaftlichen Arbeit treffen sich die Vorsitzenden der Landesverbände, der Kreisverbände und der Heimatortsgemeinschaften alljährlich zu einer Tagung, die schon seit vielen Jahren im Donauschwabenhaus in Frankenthal stattfindet. Das „banat-schwäbische Parlament“ befasst sich darüber hinaus mit Projekten und Initiativen, die für unsere Landsmannschaft von Belang sind. Bei der diesjährigen Verbandstagung am 9. und 10. März standen Fragen des Umgangs mit dem überlieferten Erbe unserer Gemeinschaft in Deutschland und in Rumänien, die Arbeit des Hilfswerks der Banater Schwaben, die Neugestaltung der Verbandszeitung Banater Postsowie Erfahrungsberichte einzelner landsmannschaftlicher Gliederungen im Mittelpunkt.

Bei der Eröffnung der Tagung begrüßte der Sprecher der Heimatortsgemeinschaften im Bundesvorstand, Josef Koch, die Gäste und Funktionsträger und hieß besonders die neu gewählten Kreis- und HOG-Vorsitzenden willkommen. Einen musikalischen Gruß brachte der Donaudeutsche Singkreis aus Frankenthal dar, der vertretungsweise von Hans Prunkl (Akkordeonbegleitung) geleitet wurde. Ein kurzes Grußwort des gastgebenden Kreisverbandes Frankenthal sprach dessen Vorsitzender Johann Schmaltz.

Breites Spektrum der landsmannschaftlichen Arbeit

Bundesvorsitzender Peter-Dietmar Leber stellte die Situation unserer Gemeinschaft und der Landsmannschaft stichpunktartig dar und ging auf Schwerpunkte der landsmannschaftlichen Arbeit im vergangenen Jahr ein. Die Landsmannschaft mit derzeit rund 14000 Mitgliedern weise ein breites Spektrum auf. Sie sei zwar älter geworden, was das Durchschnittsalter betrifft, vereine aber unter ihrem Dach vier Generationen. Ihre Arbeit, so Leber, müsse darauf ausgerichtet sein, für jede Generation Angebote bereitzuhalten und offen zu sein für die Wünsche und Hoffnungen der Mitglieder. Die Zukunft der Landsmannschaft liege in der Vielfalt und im ständigen Bemühen um die Festigung unserer Gemeinschaft und die Bewahrung unserer Identität.

Leber informierte über wichtige Projekte, die von der Landsmannschaft der Banater Schwaben initiiert wurden oder an denen sie beteiligt war. Sowohl zum Ulmer Jubiläumsjahr „300 Jahre Aufbruch entlang der Donau“ als auch zur Realisierung des Projekts „Heimatsachen. Donauschwäbische Grüße zum baden-württembergischen Geburtstag“ habe die Landsmannschaft einen substantiellen Beitrag erbracht. Bei der Begegnung des erweiterten Bundesvorstands mit dem Direktor der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Professor Manfred Kittel, habe die Landsmannschaft ihre Vorstellungen hinsichtlich der Dauerausstellung artikuliert und konkrete Vorschläge unterbreitet. Ihre Belange seien auch in Stiftungen und Einrichtungen thematisiert worden, in denen die Landsmannschaft vertreten ist. Bundesvorsitzender Leber berichtete sodann über die 16. Sitzung der deutsch-rumänischen Regierungskommission für Probleme der deutschen Minderheit in Rumänien, die Anfang März in Hermannstadt stattfand, und über die dort geführten Gespräche mit Vertretern des Deutschen Forums und dem Temescher Kreispräfekten.

Sicherung des Archivguts – ein Gebot der Stunde

Der Historiker Mathias Beer, Geschäftsführer des Instituts für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde Tübingen, thematisierte in seinem Vortrag „Der drohende dreifache Verlust. Ein Plädoyer für die Sicherung der Banater Archive in der Bundesrepublik Deutschland“ den Umgang mit dem überlieferten Erbe unserer Gemeinschaft. Es war ein leidenschaftliches Werben, dafür Sorge zu tragen, dass die nach 1945 entstandenen Überlieferungen zur banat-schwäbischen Geschichte nicht verlorengehen und alles zu unternehmen, damit diese gesichert werden und der historischen Forschung auch in Zukunft zur Verfügung stehen. Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen (Flucht, Deportation, Repression, Aussiedlung) habe, so Beer, zu einem ersten großen Verlust der im Laufe der Jahrhunderte entstandenen Überlieferung geführt. Die Banater Schwaben mussten Zeugnisse ihrer Geschichte und Kultur zurücklassen, vieles sei verlorengegangen oder zerstört worden. Ihre Geschichte habe in der Bundesrepublik eine Fortsetzung erfahren; hier seien neue Überlieferungen geschaffen und viele Sammlungen angelegt worden. Mit dem Abtreten der Erlebnisgeneration und dem sich derzeit vollziehenden Generationenwechsel drohe der zweite große Verlust, wenn Schriftgut und Unterlagen von Privatpersonen und Vereinen nicht rechtzeitig gesichert werden. Gingen diese unwiederbringlich verloren, drohe der dritte große Verlust, der einem Verschwinden der Banater Schwaben aus der Geschichte gleichkäme, zumal nur darüber geforscht und geschrieben wird, worüber es Quellen gibt. Die Landsmannschaft mit ihren Kreisverbänden und Heimatortsgemeinschaften habe es selbst in der Hand, den drohenden Verlust abzuwenden, gab Beer zu bedenken. Die Sicherung banat-schwäbischer Überlieferung sei ein Gebot der Stunde. Vorhandene Unterlagen sollten an das Archiv des Instituts für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde abgegeben werden, wo sie für die Ewigkeit gesichert seien. Das Schriftgut werde hier geordnet, verzeichnet und der Forschung zugänglich gemacht. Derzeit umfasse das Archiv rund 180 laufende Meter, darunter auch die Nachlässe von Anton Peter Petri, Hans Diplich, Josef Kupi und Anton Krämer. Das Institut biete in Fragen der archivalischen Sicherung Hilfe und Beratung an, sagte Beer.

Hilfswerk der Banater Schwaben

Aufgaben, Ziele und Projekte des Hilfswerks der Banater Schwaben stellte dessen Vorsitzender Johann Metzger vor. Das in den achtziger Jahren zur Unterstützung hilfsbedürftiger, notleidender Deutscher im Banat gegründete Hilfswerk hat im Laufe der Jahre seinen Aufgabenbereich erweitert. Der gemeinnützige eingetragene Verein – zugleich eine Untergliederung der Landsmannschaft mit sozialer Funktion – ist Eigentümer und Betreiber des 1999 in Betrieb genommenen und 2006 erweiterten Seniorenzentrums „Josef Nischbach“. Auf einem 7000 Quadratmeter großen Grundstück liegen vier miteinander verbundene Häuser: eines für stationäre Pflege mit vierzig Betten und drei Häuser für betreutes Wohnen mit insgesamt fünfzig Wohnungen. Zur Zeit leben 62 Personen im betreuten Wohnen und 38 im Pflegebereich, zehn Familien bzw. Personen stehen auf der Warteliste. Die Einrichtung beschäftigt 50 Mitarbeiter. Das Hilfswerk beabsichtige, ein weiteres Haus für betreutes Wohnen zu errichten, sagte Metzger.


17.05.12

HOG-Tagung in Frankenthal: Sammeln, Aufbewahren, Aufarbeiten

 

 

Die Berichte der Vorsitzenden der Kreisverbände und Heimatortsgemeinschaften über die Arbeit vor Ort gehören bereits zu einer festen Einrichtung der jährlich stattfindenden Arbeitstagungen der Landsmannschaft. Den Anfang machte diesmal Hans Burger, der Vorsitzender der Heimatortsgemeinschaft Saderlach. Der Schwerpunkt seiner Ausführungen lag auf der Archivierung des Ton- und Filmmaterials über die Geschichte der Gemeinde und über die Aktivitäten der Heimatortsgemeinschaft. Sammeln, Aufbewahren und Aufarbeiten wurden dabei als wichtigste Arbeitsschritte genannt. Das Resultat einer zwei Jahre währenden intensiven Arbeit wurde auf einer Doppel-DVD fest-gehalten. Ausgangspunkt für die Filmdokumentation über Saderlach war der in den 1930er Jahren gedrehte Film zum zweihundertjährigen Dorfjubiläum. Weitere Aufnahmen aus den vergangenen Jahrzehnten bis zur Gegenwart ergänzen das Bild dieser alemannischen Siedlung im Banat. Die Filmaufnahmen bergen einerseits einen großen volkskundlichen Schatz und ermöglichen gleich-zeitig den Vergleich einzelner sozialer Veränderungen aus ethnologischer Perspektive. Die Saderlach-DVD archiviert auch Höhepunkte der Vereinsarbeit in Deutschland, wie  Heimattreffen, die Gedenksteineinweihung in Görwihl und andere  Veranstaltungen der Heimatortsgemeinschaft Saderlach. Wenn auch aus technischen Gründen die Präsentation  der DVD nicht ganz geklappt hat, so konnten sich die  Tagungsteilnehmer dennoch  ein Bild über die geleistete Dokumentationsarbeit der HOG Saderlach machen und  auch so manche Anregung für die eigene Arbeit in diesem Bereich mit nach Hause nehmen.

Intergrationshilfe

Von ihrem Vorsitzenden Wilhelm Kuhn wurde die Heimatortsgemeinschaft Deutschbentschek vorgestellt. Begleitet von Bildprojektionen erläuterte dieser die Siedlungsgeschichte seines Dorfes in der Banater Hecke, dessen Gründung auf das Jahr 1807 zurückgeht. Die Angaben des Referenten zur wirtschaftlichen Entwicklung der Gemeinde und die Daten zur Bevölkerungszusammensetzung in den verschiedenen Zeitabschnitten – beginnend mit dem vorigen Jahrhundert bis zur Gegenwart – verdeutlichten den Werdegang dieses einstmals nur mit deutschen Siedlern bewohnten Ortes.  Wie in vielen anderen Orten des Banats, setzt nach dem Zweiten Weltkrieg auch in Bentschek ein allmählicher Niedergang ein, der sich in den 1970er Jahren durch Abwanderung der deutschen Einwohner in die Städte und ihre Auswanderung nach Deutschland verstärkt. Der Massenexodus nach der politischen Wende in Rumänien brachte auch für das „deutsche” Bentschek das Ende.    

Die Heimatortsgemeinschaft Deutschbentschek kann auf eine umfangreiche Tätigkeit zurückblicken. Neben der Betreuung der in Deutschland lebenden Landsleute und der geleisteten Integrationshilfe hat die HOG immer wieder größere Vorhaben in Angriff genommen. Bei der Ausgestaltung der freundschaftlichen Beziehungen zur Hotzenwaldgemeinde Herrischried spielte sie eine Vorreiterrolle. Ein für die Ödlandkapelle gestiftetes Gedenkkreuz und eine in der Kirche von Herrischried aufgestellte Marienstatue sind Symbole der Verbundenheit der Deutschbentscheker mit dieser Gegend Deutschlands. Nicht unerwähnt bleiben sollen die Veröffentlichungen der Heimatortsgemeinschaft (Heimatbuch, Heimatbriefe), die für die Dokumentation der Ortsgeschichte und für den Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft eine wichtige Rolle spielen. Die HOG hat auch die Verbindung zur alten Heimat nicht abreißen lassen. Anlässlich der Zweihundert-jahrfeier von Deutschbentschek   wurde 2007 die Dorfkirche renoviert und eine Feier im Banat veranstaltet. Wie der HOG-Vorsitzende versicherte, ist der Erhalt und die Pflege des Friedhofs auch für die Zukunft eine Aufgabe, der sich die HOG stellen wird. 

Über die Vereinsarbeit der Banater Schwaben in Ingolstadt berichtete Hans Metzger, der dem Kreisverband seit 1983 vorsteht. Ein erster Zusammenschluss der Landsleute zur „Vereinigung der Banater Schwaben in Ingolstadt” fand bereits 1973 statt. Dieser eingetragene Verein verstand sich jedoch immer als Gliederung der Landsmannschaft, quasi als Kreisverband. Begleitet von Lichtbildern erinnerte Hans Metzger an besondere Ereignisse der zurückliegenden Jahrzehnte, so an die Banater Kulturtage, die 1987 in Ingolstadt stattfanden. Im Rahmen dieser Festlichkeiten wurde die Patenschaft der Stadt Ingolstadt über die Banater Schwaben in Bayern besiegelt. Zum zwanzigjährigen Jubiläum der Patenschaft wurden in Ingolstadt wieder Banater Kulturtage abgehalten. Der Ingolstädter Verein zählt gegenwärtig 550 Mitglieder (Familien). Die Aktivitäten der Kindergruppe, des Chores, der Vereinigung der Senioren und anderer vom Kreisverband organisierten Veranstaltungen fügen sich zu einem attraktiven Programm für Jung und Alt zusammen. Auch die bereits zur Tradition gewordenen Jahresausflüge erfreuen sich großer Beliebtheit. Seit der Errichtung des Banater Seniorenzentrums „Josef Nischbach” in Ingolstadt hat sich auch eine gute Zusammenarbeit mit dieser Einrichtung ergeben. Veranstaltungen mit und für die Heimbewohner gehören zum ständigen Angebot des Kreisverbandes.

Generationswechsel

Mit großer Aufmerksamkeit verfolgten die Tagungsteilnehmer die Ausführungen des Vorsitzenden der HOG Schöndorf, zumal bekannt ist, dass kürzlich in der Leitung dieser Heimatortsgemeinschaft ein Generationswechsel stattgefunden hat. 2011 wurde Anita Maurer zur neuen Vorsitzenden gewählt und löste somit Barbara Hirth ab, die über zwei Jahrzehnte verdienstvoll an der Spitze der HOG gestanden hat. Auch der gesamte Vorstand wurde einer Verjüngungskur unterzogen, so dass das Durchschnittsalter von siebzig auf fünfzig herabgesetzt werden konnte. Für die Vorstandsmitglieder, so Anita Maurer, bedeutet die Vereinsarbeit eine große Herausforderung, der sich zu stellen alle bereit sind. Der neue Vorstand legt Wert darauf, dass die Arbeit auf mehrere Schultern verteilt wird und jedem Mitglied eine bestimmte Zuständigkeit zugeteilt wird. Zu den wichtigsten Zielen, die der Vorstand in der nächsten Zeit anpeilt, gehören: Pflege des Brauchtums, Erhalt der Erinnerung an die alte Heimat, Anlegen eines Tonarchivs, Aktualisierung der Heimatortskartei, Maßnahmen zum Erhalt der Kirche und des Friedhofs in Schöndorf. Auch will man sich verstärkt gegen den Abwärtstrend der Mitgliederzahlen im Verein wenden, die Jugend-arbeit fördern und sich der Herausgabe der HOG-Jahreshefte widmen.

Aktuelle Vorhaben

Der Bundesvorsitzende der Landsmannschaft, Peter-Dietmar Leber, informierte die Tagungsteilnehmer über wichtige Vorhaben der Landsmannschaft und erläuterte aktuelle Projekte. Dabei plädierte er für ein verstärktes soziales Engagement der Landsleute. Sich in die verschiedensten Bereiche des gesellschaftlichen Lebens einzubringen, so der Bundesvorsitzende, setze eine gefestigte Identität voraus, die die Herkunft als Banater Schwaben mit einschließt. Der Bundesvorsitzende richtete an alle Anwesenden den Aufruf, alles zu unternehmen, damit auch der diesjährige Heimattag an Pfingsten wieder ein beeindruckendes Begegnungsfest der Landsleute werde. Er umriss kurz den Programmablauf des Heimattages, der auch diesmal im Zeichen einer intensivierten Jugendarbeit steht. Der Bundesvorsitzende informierte auch über die Veranstaltungen, die anlässlich des Jubiläums „Aufbruch entlang der Donau” geplant sind, und übermittelte die Ein-ladung der Stadt Ulm an die Landsleute, sich an einer Jubi-läumsfahrt mit den Ulmer Schachteln zu beteiligen. Auch zur Deutschen Wallfahrt nach Maria Radna im August wurde eingeladen. Die Landsmannschaft wird sich an der Gestaltung der Wallfahrt aktiv beteiligen. Anlässlich dieser Reise ins Banat wird auch eine gemeinsame Tagung von HOG-Vorsitzenden, die im Banat besonders aktiv sind, und Vertretern der örtlichen Verwaltung stattfinden. Eine Exkursion zu Kulturdenkmälern und Sehenswürdigkeiten des Banats steht ebenfalls auf dem Programm. Die Teilnehmer an der Banat-Reise werden zudem Gelegenheit haben, am Kirchweihfest in Sanktanna dabeizusein. Das Bundestreffen der Banater Chöre im Oktober und ein großes Blasmusikkonzert in Ulmer Kornhaus im November anlässlich des Stadtjubiläums ergänzen den Terminkalender der Landsmannschaft.

Seitens des Bundesvorstandes der Landsmannschaft nahm der stellvertretende Bundesvorsitzende Georg Ledig Stellung zu aktuellen Fragen der Vereinsführung. Dabei wurden den Tagungsteil-nehmern Hinweise gegeben bezüglich der Zusammensetzung der Kreis- und HOG-Vorstände und der zu  unternehmenden Schritte für die Erlangung der Gemeinnützigkeit der Vereine beim zu-ständigen Finanzamt. Speziell zum Ablauf der Wahlen in den Untergliederungen der Landsmannschaft nahm der stellvertretende Bundesvorsitzende Hans Metzger Stellung. Er plädierte für eine korrekte Durchführung aller Schritte, beginnend mit den Vorbereitungen, die form- und fristgerecht sein müssen, bis hin zum eigentlichen Wahlvorgang, dessen genaue Protokollierung unerlässlich ist.

Der stellvertretende Bundesvorsitzende Richard S. Jäger gab praktische Hinweise bezüglich des Rechnungswesens der Vereine  und erläuterte Fragen im Zusammenhang mit Steuerprivilegien und Steuerpflichten. Weitere Empfehlungen bezogen sich auf die korrekte Kassenführung im Verein. Auf Fragen im Zusammenhang mit der  Verleihung von landsmannschaftlichen Auszeichnungen ging der stellvertretende Bundesvorsitzende Jürgen Griebel ein. Dabei wurde auf die Erfüllung der Voraussetzungen hingewiesen, die für eine Ehrung gegeben sein müssen. Auch erläuterte er die einzelnen Möglichkeiten der Ehrung und die entsprechenden Auszeichnungen: Prinz-Eugen-Nadel, Adam-Müller-Guttenbrunn-Medaille, Verdienstmedaille in Gold oder Silber, Ehrenbriefe, Ehrenurkunden, Treue-urkunden mit Treuenadel in Gold, Treueurkunden der Landsmannschaft in Silber. Anträge für Ehrungen können von den einzelnen Untergliederungen der Landsmannschaft gestellt werden. Ein bei der Tagung vorgestelltes Antragsformular soll eine weitere Orientierungshilfe bieten.

Jugendarbeit

In seinem Bericht über die Aktivitäten der Deutschen Banater Jugend und Tanzgruppen (DBJT)  bestä-tigte der Leiter des Verbandes, Harald Schlapansky, die große Begeisterung, mit der man in den einzelnen Jugendgruppen bei der Sache ist. Das Interesse der Jugendlichen für das Erforschen der eigenen Wurzeln ist groß und fördert die Bereitschaft, sich in die Vereinsarbeit einzubringen. Den  jugendlichen Enthusiasmus wer-tete der DBJT-Vorsitzende als  wichtige Triebkraft für die gesamte Verbandsarbeit. Dieses Kräftereservoir zu nutzen, sei für die  Landsmannschaft unerlässlich. Schlapansky plädierte auch für ein verstärktes Einbinden der mittleren Jahrgänge, die noch zur Erlebnisgeneration zählen, in die Verbandsarbeit. Auf diese Weise könne die allmähliche Übergabe der Stafette an die ganz Jungen, an die bereits in Deutschland geborenen Nachkommen der Banater Schwaben, erfolgreich sein. Die Ausführungen des Jugendvertreters waren begleitet von Lichtbildprojektionen, die einen Einblick in die vielfältigen Aktivitäten der Jugend- und Trachtengruppen boten.

 

 

 

 


 

Sehr geehrte Damen und Herren,

Liebe Freunde!

 

 

Nach einer langen Zeit des Wartens, in der unser aller Geduld und Vertrauen auf eine harte Probe gestellt wurden, darf ich Ihnen nun mit Freude mitteilen, dass noch in dieser Woche - bis zum 20. April - der Vertrag zwischen dem Bischöflichen Ordinariat Temeswar und den beauftragten Baufirmen unterzeichnet wird.

Von den Firmen die sich an der öffentlichen Ausschreibung beteiligten, fiel die Wahl unserer Fachleute auf eine Dreier-Gruppe, die unseren Erwartungen am meissten entsprechen. Die drei Baufirmen, die unser Projekt gemeinsam ausführen, kommen aus Satu Mare, Oradea und Bukarest.

Die offizielle Eröffnung der Baustelle findet am 13. Mai 2013 im Rahmen einer Pressekonferenz statt.

 

 

Wir danken für Ihre bisherige Unterstützung und rechnen auch weiterhin mit Ihrem Wohlwollen.

 

Maria Radna, den 16.04.2013

 

Mit Dank und den besten Grüssen,

 

Andreas Reinholz,

Domkapitular und Pfarrer

 

 


 

 

 BdV begrüßt Entscheidung der rumänischen Regierung zur Entschädigung der im Ausland lebenden Russlanddeportierten

 

Zur Entscheidung der rumänischen Regierung, die am Ende des Zweiten Weltkrieges in die ehemalige Sowjetunion deportierten Deutschen aus Rumänien unabhängig von der aktuellen Staatsangehörigkeit und dem aktuellen Wohnsitz zu entschädigen, erklärt BdV-Präsidentin Erika Steinbach MdB:

 

Ich begrüße die Entscheidung der rumänischen Regierung und freue mich für die Betroffenen, denen damit ein Stück Gerechtigkeit widerfährt.  Ihr hartes, von der Nobelpreisträgerin Herta Müller in ihrem Buch „Atemschaukel“ so eindrucksvoll geschildertes Schicksal erfährt so eine greifbare Würdigung.

 

Die Tatsache, dass die Entschädigung unabhängig von der aktuellen Staatsangehörigkeit und dem aktuellen Wohnsitz allen verschleppten Deutschen zugutekommen soll, ist ein weiteres Zeichen umfassender Versöhnung und der Anerkennung des schweren Lebensschicksals der in Rumänien beheimateten Deutschen. Die vorgesehene monatliche Rente von 50 Euro für jedes Verschleppungsjahr ist nicht nur eine symbolische Geste sondern kann auch im praktischen Alltagsleben etwas Linderung verschaffen. Nunmehr bleibt die Verabschiedung des Gesetzes durch das Parlament in Bukarest abzuwarten.

 

Umso bedauerlicher ist es, dass alle anderen deutschen Zwangsarbeiter, die als Zivilpersonen wegen ihrer deutschen Staats- und Volkszugehörigkeit durch fremde Staatsgewalt während des Zweiten Weltkrieges und danach zur Zwangsarbeit herangezogen wurden, bis zum heutigen Tag keine Würdigung und Anerkennung durch den Deutschen Bundestag gefunden haben. Versprechen, die in Oppositionszeiten parlamentarisch belegbar gemacht wurden, sind bis heute nicht eingehalten worden.

 

Ich danke auch der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen, die sich seit Jahren intensiv für eine Entschädigung der Opfer eingesetzt hat und jetzt von Botschafter Lazăr Comănescu von der Entscheidung der rumänischen Regierung unterrichtet wurde.

 

 


 

 

Bărăgan-Ausstellung in Augsburg

 

Die Ausstellung "Schwarze Pfingsten" - Deportation in die Bărăgan-Steppe 1951-1956 wird ab dem 25. April fünf Wochen lang im Bukowina-Institut, Alter Postweg 97a, in 86159 Augsburg gezeigt. An der Vernissage am 25. April wird der neue Generalkonsul Rumäniens in München, Anton Niculescu, der aus Siebenbürgen stammt, teilnehmen. In die Ausstellung führt der Journalist

Luzian Geier ein.

 

Die vom Internationalen Zentrum für Kommunisforschung Bukarest zum 60. Jahrestag der Baragan-Deportation realisierte und von dessen Direktor Romulus Rusan gestaltete Dokumentationsaus-stellung wurde bisher in mehreren Städten Rumäniens gezeigt. Mit Unterstützung des Rumänischen Kulturinstituts in Berlin wurde auch eine deutsche Fassung erarbeitet, die bisher in der

Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Sindelfingen und München zu sehen. Die Ausstellung in Augsburg ist Montag bis Freitag, 10.00 bis 14.00 Uhr, und nach Vereinbarung unter veranstaltungen[ät]rumaenien-gkmuenchen.de geöffnet.

Veranstalter sind das Generalkonsulat von Rumänien in München und das Bukowina-Institut.

 


  

Die Ausstellung „Schwarze Pfingsten – Deportation in die Baragan-Steppe 1951–1956“

 

wird am 25. Januar um 18.30 Uhr im Generalkonsulat Rumäniens in München (Richard-Strauss-Straße 149) eröffnet. Die vom Internationalen Zentrum für Kommunismusforschung Bukarest zum 60. Jahrestag der Baragan-Deportation realisierte und von dessen Direktor Romulus Rusan gestaltete Dokumentationsausstellung wurde bisher in mehreren Städten Rumäniens gezeigt. Mit Unterstützung des Rumänischen Kulturinstituts in Berlin wurde auch eine deutsche Fassung erarbeitet, die bisher in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen und im Haus der Donauschwaben in Sindelfingen zu sehen war und nun in München Station macht. In die Ausstellung wird der Journalist Luzian Geier einführen. Veranstalter sind das Generalkonsulat Rumäniens in München und die Landsmannschaft der Banater Schwaben.

  

Die Ausstellung „Schwarze Pfingsten – Deportation in die Baragan-Steppe 1951–1956“ wird am 25. Januar um 18.30 Uhr im Generalkonsulat Rumäniens in München (Richard-Strauss-Straße 149) eröffnet. Die vom Internationalen Zentrum für Kommunismusforschung Bukarest zum 60. Jahrestag der Baragan-Deportation realisierte und von dessen Direktor Romulus Rusan gestaltete Dokumentationsausstellung wurde bisher in mehreren Städten Rumäniens gezeigt. Mit Unterstützung des Rumänischen Kulturinstituts in Berlin wurde auch eine deutsche Fassung erarbeitet, die bisher in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen und im Haus der Donauschwaben in Sindelfingen zu sehen war und nun in München Station macht. In die Ausstellung wird der Journalist Luzian Geier einführen. Veranstalter sind das Generalkonsulat Rumäniens in München und die Landsmannschaft der Banater Schwaben.

 

21.02.13

»Schwarze Pfingsten« 1951. Eine Ausstellung aus Rumänien zur Baragan-Deportation tourt durch Deutschland

Von: Halrun Reinholz

 

Bei der Eröffnung der Baragan-Ausstellung im Rumänischen Generalkonsulat München waren zahlreiche Banater Landsleute anwesend. Foto:Walter Wolf

Für viele Banater Schwaben ist „der Baragan“ mit unheilvollen Erinnerungen verknüpft: Aus grenznahen Ortschaften wurden im Jahr 1951 Menschen deportiert und in der unwirtlichen, praktisch unbewohnbaren Steppe nahe der Donau ausgesetzt. Die nachträgliche Dokumentation der Ereignisse erfolgte in Deutschland über Zeitzeugenberichte, zum Beispiel die Briefe und Aufzeichnungen des späteren Schriftstellers Ludwig Schwarz, der selbst Deportierter war. 1981 veröffentlichte Heinrich Freihoffer einen Erlebnisbericht
in Romanform („Sklaven im Baragan“). Seit der Wende zeigen sich nun auch in Rumänien ernsthafte Bestrebungen, die Gräueltaten des Kommunismus’ aufzuarbeiten und zu dokumentieren.

Die Wanderausstellung „Schwarze Pfingsten“ des Bukarester Zentrums für Kommunismusforschung zur Deportation in die Baragan-Steppe wird nun in ihrer deutschen Fassung in mehreren deutschen Städten gezeigt, derzeit (in Zusammenarbeit mit der Landsmannschaft der Banater Schwaben) noch bis zum 5. März im Rumänischen Generalkonsulat in München. Bei der Eröffnung konnten der aus dem Banat stammende Vizekonsul Michael Fernbach und der Bundesvorsitzende der Landsmannschaft, Peter-Dietmar Leber, zahlreiche interessierte Banater begrüßen. Luzian Geier führte kundig in die Ausstellung ein.

Im Gegensatz zu den Russland-Deportationen war die Deportation in den Baragan keine ethnische, sondern eine politisch-stalinistische Maßnahme „sowjetischen Typs“. Das Material des Zentrums für Kommunismusforschung besteht demnach auch hauptsächlich aus Zeitzeugenberichten und Dokumentationsmaterial von Rumänen aus verschiedenen Landesteilen, die den größten Anteil der Deportierten stellten. Auf den Ausstellungspaneelen werden übersichtlich und fundiert historische Daten und Fakten vermittelt; das Hauptaugenmerk ist jedoch auf die menschlichen Schicksale gerichtet, die sich mit den Erfahrungen der Banater Schwaben decken: Fotos und Zitate zeigen die Bewältigung des Alltags unter unmenschlichen Bedingungen, die Organisation von Arbeit, Schule, Bau der Häuser, aber auch Feiern, Hochzeiten, Taufen, Begräbnisse. Die geschätzten 50000 Deportierten, von denen die Banater Schwaben etwa ein Viertel ausmachten, gründeten in der Baragan-Steppe 18 Ortschaften und lebten mehr als fünf Jahre lang in einem Mikrokosmos aus Provisorien, Ungewissheit, Zwangsarbeit und Alltagsgeschehen. „Wir wohnen im Stoppelfeld, in Hütten aus Weizengarben. (…) Wasser trinken wir aus der Donau, und die ist über 2 km weit weg“, schreibt Ludwig Schwarz am 28. Juni 1951 an seine Mutter im Banat. Diese Stimmung vermitteln auch die Ausstellungstafeln, die nun in ihrer deutschen Fassung in mehreren deutschen Städten gezeigt werden. Erstellt wurden sie in Zusammenarbeit mit dem Rumänischen Kulturinstitut in Bukarest in der Übersetzung von Gerhardt Csejka. Von Berlin aus ging die Ausstellung nach Sindelfingen (Haus der Donauschwaben) und München (Rumänisches Generalkonsulat), geplant sind derzeit noch Ausstellungsorte wie Augsburg (Bukowina-Institut, ab März), Ulm (Donauschwäbisches Zentralmuseum) und Tübingen. Eindrucksvoll die unkommentierten Tafeln mit den Namen der Toten – naturgemäß sind da auch viele deutsche Namen dabei. Keine Übersicht gibt es über die dort geborenen Kinder, wie zum Beispiel die Schriftsteller Gerhard 
Ortinau und Horst Samson. Ihre Geburtsorte gibt es nicht mehr. Die Ortschaften verfielen nach dem Abzug der Deportierten im Jahr 1956.

Aus Banater Sicht ergibt sich durch diese Ausstellung ein Perspektivenwechsel, denn sie bietet den Blick auf die gesamte Deportationsmaßnahme, die auch andere Grenzregionen betroffen hat. Zusätzlich ist sie ein Beweis dafür, dass es in Rumänien mittlerweile ernsthafte und wissenschaftlich seriöse Bemühungen gibt, die kommunistische Vergangenheit aufzuarbeiten. Das Zentrum für Kommunismusforschung wurde von dem Schriftstellerehepaar Ana Blandiana und Romulus Rusan mit dem Ziel gegründet, Zeitzeugenberichte und Dokumentationsmaterial zu den Verbrechen der kommunistischen Zeit zu sichern und aufzubereiten. Wichtigstes Projekt ist das Dokumentationszentrum im ehemaligen Securitate-Gefängnis in Sighet („Memorial Sighet“). Da die qualifizierte wissenschaftliche Dokumentation in Zeiten wechselnder politischer Konstellationen auch nicht immer einfach ist, wurde 1994 eine Bürgerstiftung gegründet, die das Vorhaben finanziell und ideell sichert. Die vorliegende Aus-
stellung ist somit eines der Puzzle-Teilchen zur Aufklärung der Geschehnisse aus dunklen Zeiten.